Top-Ökonom Dennis Snower
„Kurzarbeit schadet langfristig“

Im Moment sieht es danach aus, als käme Deutschland schneller aus der Krise als andere Staaten. Der Präsident des Kieler IfW, Dennis Snower, mag daran nicht glauben – und fordert im Handelsblatt-Interview echte Reformen für den Arbeitsmarkt.
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Handelsblatt: Es sieht im Moment so aus, als käme Deutschland schneller aus der Krise als andere Staaten. Ist das auch Ihr Eindruck, Herr Professor Snower?

Dennis Snower: Ich sehe keine Anzeichen dafür. Die Arbeitslosenquote wird ab Ende des Jahres steigen, der private Konsum und die Investitionen werden dadurch gedrückt werden und die Wirkung der staatlichen Konjunkturspritzen lässt nach. Der Arbeitsmarkt wird sich nicht als genügend flexibel erweisen, um schnell aus der Krise zu kommen.

Nicht flexibel genug? Die Ausweitung der Kurzarbeit hat doch die Arbeitslosenzahlen begrenzt und gilt sogar international als Vorbild.

Kurzarbeit ist eine Lösung, um eine kurze Rezession zu überbrücken, für maximal ein Jahr. Das hier ist aber keine kurze Rezession. Wenn wir Kurzarbeit länger einsetzen, dann verhindern wir eine Neuverteilung der Arbeit und schaden unserem langfristigen Wachstum. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Kurzarbeit ein Medikament ist, das uns kurzfristig hilft und langfristig schadet.

Die Unternehmen haben die Kurzarbeit doch auch deshalb in so großem Umfang genutzt, weil sie Fachkräfte an sich binden wollen, die sie im nächsten Aufschwung dringend brauchen.

Wer sagt denn, dass genau diese Unternehmen diese Fachkräfte am meisten brauchen? Das kann nur der Markt entscheiden. Die Kurzarbeit bewirkt, dass die Menschen an ihren Arbeitsplätzen kleben und sich nicht neuen Herausforderungen stellen. Wir brauchen eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse. Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten das ganze Geld, das die Kurzarbeit gekostet hat, in die Aus- und Weiterbildung gesteckt. Damit hätten wir auch Beschäftigung geschaffen, aber anders. Es wären zwar mehr Menschen arbeitslos geworden, aber die Arbeitslosen hätten viel höhere Chancen gehabt, neue Stellen zu finden. So haben wir die Beschäftigten geschützt, aber nichts für die Langzeitarbeitslosen getan, die die größten sozialen Härten tragen.

Die Kurzarbeit hat jedenfalls den Konsum gestützt. Wie können wir langfristig die Nachfrage steigern?

Wenn wir einen flexibleren Arbeitsmarkt und flexiblere Sozialsysteme hätten, dann müssten wir weniger sparen. Die Sparquote ist in Deutschland so hoch, weil die Menschen befürchten müssen, dass sie lange arbeitslos bleiben, falls sie ihre Stelle verlieren. Es ist doch vielen Ländern in Europa gelungen, einen besseren Weg zu finden. Dänemark, die Niederlande, Großbritannien – sie alle haben mit einem flexibleren Arbeitsmarkt die Arbeitslosenquote gesenkt und die Beschäftigungsrate erhöht.

Wir in Deutschland hatten aber doch auch die Agenda 2010.

Die ging auch in die richtige Richtung, aber wir sind auf halbem Wege stehengeblieben. Wenn man ein unflexibles System an einzelnen Punkten flexibler macht und dabei stehenbleibt, schafft man soziale Härten. Das Prinzip der „Flexicurity“, für das ich eintrete, geht weiter. Man weicht den Kündigungsschutz auf und senkt die Einstellungskosten, man unterstützt Arbeitslose bei Stellensuche und Weiterbildung, besteht aber darauf, dass sie die Stellen annehmen, die Ihnen angeboten werden. So kann man einen Kulturwandel erreichen: Die Menschen werden begreifen, dass ihre Arbeitssicherheit nicht von der Stellensicherheit abhängt.

Die neue Bundesregierung hat sich allerdings gegen diesen Weg entschieden. Die FDP hat ihre Forderungen zur Lockerung des Kündigungsschutzes nicht durchgesetzt. Sind Sie darüber enttäuscht?

Die jetzigen Verhandlungen sind ein erster Schritt auf einem längeren Weg. Grundlegende Reformideen brauchen Zeit, bevor sie umgesetzt werden.

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  • Ohne es genau berechnet zu haben vermute ich, dass die prognostizierten 1,2 % Wachstum 2010 ungefähr einer Stagnation entsprechen, d.h. lediglich auf dem statistischen Überhang beruhen. Ansonsten volle Zustimmung für Herrn Snower. Strukturelle Probleme werden die getroffenen Maßnahmen nicht lösen können.

  • Die von Snower getroffenen Feststellungen sind völlig richtig und realistisch. Wir werden für die übermäßige Anwendung der Kurzarbeit einen schweren Preis zahlen, das glaube ich auch. Der Politik ist längerfristiges Denken jedoch völlig fremd, hier lebt man von der Hand in den Mund- und prellt die Zeche. Das wird eine böse Überraschung für Schwarzgelb werden, wenn die Konkurrenzfähigkeit sinkt infolge der Kurzarbeit. Dazu die ständig steigende Zinslast der öffentlichen Haushalte.ich halte die 1,2% biP-Wachstum, die für nächstes Jahr prognostiziert sind, auch für sehr unsicher; ich glaube eher an Stagnation, allein schon wegen des erwarteten Einbruchs bei den Neuwagenverkäufen. Wenn es so kommt und so bleibt, wird das schwarzgelbe Konzept Schiffbruch erleiden.

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