Trichet-Nachfolge
Gerüchte befeuern Machtkampf um EZB-Spitze

Lange Zeit galt die anstehende Nachfolge Jean-Claude Trichets als entschieden. Bundesbankpräsident Axel Weber galt als Favorit. Doch nun dreht sich die Stimmung. Gezielte Indiskretionen bringen seinen ärgsten Konkurrenten zurück ins Spiel: den italienischen Notenbankchef Mario Draghi.
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ROM/FRANKFURT. Mario Draghi ist es gewohnt, die Dinge auf seine Weise zu tun, geräuschlos wie ein Phantom - und manchmal auch abwartend. Seit ein paar Tagen sieht es so aus, als könnte dem Chef der italienischen Notenbank diese Eigenschaft den Weg in eines der wichtigsten Ämter ebnen, das die Finanzwelt zu vergeben hat: den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB).

Lange Zeit galt die in einigen Monaten anstehende Nachfolge Jean-Claude Trichets als ein Duell zwischen Draghi und Bundesbank-Chef Axel Weber - und bis vor kurzem schien der Sieger schon festzustehen, auch weil das Amt nicht nur nach Qualifikation, sondern auch als Ergebnis europäischer Machtarithmetik besetzt wird. Nach diesen Gesetzen lief zunächst alles auf einen zu: Axel Weber.

Doch plötzlich erscheinen die Dinge in einem anderen Licht. Weber macht sich unbeliebt, die Stimmung wendet sich und Mario Draghi ist wieder im Spiel. Es sieht sogar so aus, als laufe das Spiel gerade nach seinen Regeln. Er kann nun tun, was er am besten kann: beobachten, abwarten und im richtigen Moment aus der Deckung kommen.

Draghi ist 63 Jahre alt, er ist seit viereinhalb Jahren Chef der italienischen Notenbank, und er pflegt als Chef des Financial Stability Board (FSB) exzellente Kontakte zu den Regierungen der wichtigsten Wirtschaftsnationen. Besonders als Chef des FSB - eines Rates aus Aufsehern, Notenbankern und Politikern aus 24 Ländern -, der verhindern soll, dass sich Ereignisse wie die jüngste Finanzkrise wiederholen, hat er Experten, Regierungschefs und Kollegen beeindruckt. An seiner Qualifikation gibt es keinen Zweifel.

Zugleich streuen interessierte Kreise offenbar gezielt Gerüchte, die seinen Konkurrenten Weber schwächen sollen. Die französische Zeitung "Liberation" hatte Ende vergangener Woche bereits hochrangige französische Regierungskreise zitiert, nach denen der IWF-Chef Nachfolger von Jean-Claude Trichet als Präsident der Europäischen Zentralbank werden soll. Die Meldung wurde nicht bestätigt. Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde sagte: "Unsere Position ist klar. Das Mandat von Trichet geht bis November 2011, und wir müssen ihn arbeiten lassen." Der Élyséepalast schwieg.

Doch Weber ist betroffen. Er weiß, es ist unwahrscheinlich, dass Frankreich als Trichet-Nachfolger wieder einen Franzosen durchsetzen kann. Doch er weiß auch, dass die jüngsten Indiskretionen aus Paris wieder ein Signal sind - ein Signal für den bevorstehenden Misserfolg seiner eigenen Kandidatur. Er hat derzeit mehr Feinde als Freunde, vor allem in Frankreich.

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Kommentare zu " Trichet-Nachfolge: Gerüchte befeuern Machtkampf um EZB-Spitze"

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  • Axel Weber? - Achso: Axal Weh-bär !!!

  • ich denke es geht weniger um Weber als um die angestrebte deutsche Übermacht zu verhindern, was ich als legitim betrachte. Es ist schon genug Schaden durch Äußerungen von deutscher Seite angerichtet worden.
    Deutschland ist nicht Europa, das sollten sich unsere heutige Politiker vielleicht öfter sagen. Deutschland braucht Europa für den Export und nicht umgekehrt.

  • Der artikel hat einen Fehler: Draghi hat nicht seinen PhD bei Harvard absolviert, sonst bei MiT.

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