Trichet-Nachfolge
Super-Mario für die EZB

Auch wenn Mario Draghi noch nichts davon wissen will, seine Kandidatur als Nachfolger von EZB-Chef Jean-Claude Trichet nimmt immer klarere Formen an. Italiens Zentralbankchef gilt als Pragmatiker, der sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß - und als As, das viele gerne spielen würden.

MAILAND. Italien hat überraschend das Rennen um den einflussreichsten Posten in der europäischen Wirtschaftspolitik eröffnet. Außenminister Franco Frattini sagte am Dienstag, sein Land sähe gern den Chef der Banca d'Italia, Mario Draghi, als Nachfolger des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet. Trichets Amtszeit läuft Ende Oktober 2011 aus.

Frattini bringt damit die Bundesregierung und Bundesbankpräsident Axel Weber zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Zugzwang. Denn es gilt als offenes Geheimnis, dass Weber ebenfalls Ambitionen auf den EZB-Chefposten hat. Doch das Bundesfinanzministerium, das für solche Fragen zuständig ist, steht wegen des Regierungswechsels im Umbruch, das Kanzleramt ist mit der Regierungsbildung ausgelastet.

Damit beginnt ein langer Zweikampf um die EZB-Spitze, denn andere Kandidaten sind nicht in Sicht. Dabei schien bisher der Ökonomieprofessor Weber im Vorteil zu sein, vertritt er doch das Land mit dem größten wirtschaftlichen Gewicht im Euro-Raum. Das allerdings ist zugleich sein Handicap, weil in Frankreich und einigen anderen Ländern die historisch gewachsene Dominanz der Bundesbank in der europäischen Währungspolitik misstrauisch beäugt wird. "Wir steuern auf eine Wegscheide zu", beobachtet Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Wenn nach Trichet die EZB acht Jahre lang von einem Italiener geleitet wird, werde das Erbe der Bundesbank weiter verblassen. Weber dagegen, dem es gelungen sei, der Sicht der Bundesbank im EZB-Rat Gehör zu verschaffen, könnte diesen Prozess als EZB-Präsident aufhalten.

Für Draghi sprechen seine internationalen Erfahrungen nicht nur als Ökonomieprofessor, sondern auch in der Finanzbranche und als Chef des Financial Stability Board (FSB). Das FSB erarbeitet im Auftrag der G20 Vorschläge für eine bessere Regulierung der Finanzbranche. Die EZB soll nach derzeitigem Diskussionsstand künftig eine führende Rolle bei der Finanzaufsicht bekommen.

Seine mögliche Kandidatur als EZB-Präsident hat Italiens Zentralbankchef und Vorsitzender des Financial Stability Forum Mario Draghi vergangene Woche noch heruntergespielt: "Aber nein. Hic manebimus optime!" - sinngemäß: Hier geht es uns doch bestens - scherzte der ehemalige Jesuitenschüler in Pittsburgh, ganz gebildeter Mann des Understatements.

Zeitlich würden die Termine bestens passen: Trichets Mandat endet 2011. Draghi beendet seine erste Amtszeit am 15. Januar 2012. Damit könnte der 62-Jährige in zwei Jahren erneut seine Geburtsstadt Rom verlassen und nach Frankfurt ziehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er ins Ausland geht.

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