Trichet verursacht Verwirrung
EZB verwirft bewährtes Muster im Dialog mit den Märkten

Die Bemühungen der Europäischen Zentralbank, sich von so genannten Schlüsselwörtern in der Kommunikation mit den Märkten zu distanzieren, irritieren Bankvolkswirte und Analysten.

HB FRANKFURT/M. „Wenn die Schlüsselwörter entfallen, wird der Markt versuchen, andere Anhaltspunkte zu finden“, sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, dem Handelsblatt. „Das wird zu neuen Missverständnissen und Schwankungen an den Finanzmärkten führen. Dann stehen Händler und Analysten wieder auf Kriegsfuß mit der EZB.“ Ähnlich sieht das Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der ING BHF-Bank: „Das ist eine Verschlechterung der Informationspolitik der EZB. Sie ist nicht transparent. Sie gibt alle möglichen Informationen, vermeidet aber eine Wertung.“

Ein Schlüsselwort war bisher beispielsweise „angemessen“. In den Erklärungen, die der EZB-Präsident bei den Pressekonferenzen im Anschluss an die Sitzungen des EZB- Rates abgab, war es Jahre lang der Hinweis darauf, dass bei der nächsten geldpolitischen Sitzung des Rates nicht mit einer Zinsänderung zu rechnen sei. Sollte angedeutet werden, dass für einen längeren Zeitraum kein Zinsschritt geplant war, lautete der Code „bis auf weiteres angemessen“. Umgekehrt sahen manche Analysten in dem Wort „wachsam“ bereits die Andeutung eines bevorstehenden Zinsschritts.

EZB-Direktoriumsmitglied Tommaso Padoa-Schioppa hat kürzlich im Wall Street Journal erklärt, dass er die Verwendung von Schlüsselwörtern nicht für die optimale Kommunikationsstrategie hält: „Ich sehe die Gefahr, dass der Markt faul wird. Wenn er zu sehr verwöhnt ist und ihm alles im voraus mitgeteilt wird, verlässt er sich nicht mehr auf seine eigene Analyse, sondern auf die der Zentralbank“. Padoa-Schioppa zufolge versucht der EZB-Rat seit einiger Zeit, von den Schlüsselwörtern wegzukommen. Man achte sehr sorgfältig darauf, „keine Worte zu benutzen, die eine größere Bedeutung erlangt haben könnten, als ihnen ein Lexikon gibt.“

Auch EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing geht auf Distanz zu den Code- Wörtern: „Die Welt ist komplex, und wer meint, man könne die Einschätzung der Notenbank aus dem einen oder anderen Wort herauslesen, der liegt falsch“, sagte Issing vor einigen Tagen der Börsenzeitung. Die Folge könnten „albern einfache und damit falsche Wahrnehmungen“ sein. Wer die geldpolitische Orientierung der Europäischen Zentralbank nachvollziehen wolle, „darf nicht nur auf das eine oder andere Wort schauen, sondern muss unsere ganze Analyse sorgfältig lesen“.

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