Überraschende Entwicklung
Industrie mit schwachem Auftragseingang

Die deutsche Industrie hat im September überraschend weniger Aufträge erhalten als im Vormonat. Der Auftragseingang sank saisonbereinigt um 0,2 % zum Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium (BMWA) am Donnerstag in Berlin mitteilte.

HB BERLIN. Aus dem Ausland erhielten die Firmen im September zwar 1,3 % mehr Bestellungen, die Orders aus dem Inland gingen aber um 1,6 % zurück. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erwartet dennoch keine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Die meisten Volkswirte sind nach den schwachen Aufträgen deutlich skeptischer. „Das spricht dafür, dass das BIP-Wachstum im dritten Quartal nur sehr knapp positiv sein wird“, sagte Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. Im ersten und zweiten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,4 beziehungsweise 0,5 % gewachsen.

Analysten hatten im Schnitt mit einem Auftragszuwachs um ein Prozent gerechnet, nachdem die Orders im August um 1,7 % zurückgegangen waren. Der erstmals veröffentlichte HVB/Reuters-Indikator auf Basis der Auftragsdaten aus Nordrhein-Westfalen hatte jedoch bereits ein Minus von 0,3 % prognostiziert. Analysten halten nun auch eine negative Überraschung bei der Produktion für möglich, die am Freitag veröffentlicht wird. Bislang erwarten die Analysten einen Anstieg um 0,4 %.

Der Auftragseingang der Industrie ist ein wichtiger Frühindikator für die Konjunkturentwicklung, kann aber wegen Großaufträgen von Monat zu Monat stark schwanken. Im September habe die Industrie eine leicht unterdurchschnittliche Zahl an Großaufträgen erhalten, erklärte das Ministerium. Das Ministerium rechnet zudem mit einer spürbaren Aufwärtskorrektur. Im weniger volatilen Zwei-Monats-Vergleich August/September zu Juni/Juli sanken die Bestellungen um 0,5 %. Im September lag das Ordervolumen noch 3,6 % über Vorjahresniveau.

Nachdem zuletzt der Reuters-Einkaufsmanagerindex ein Abflauen des vom Export getriebenen Industrie-Aufschwungs angezeigt hatte, verstärkten die Auftragsdaten die Sorgen um die Wirtschaftserholung. „Es fällt schwer, in den Zahlen einen Hoffnungsschimmer auszumachen“, sagte Dirk Schumacher von Goldman Sachs. Vor allem die Unternehmen zögerten noch immer mit ihren Investitionen. Im September verbuchten die Hersteller von Investitionsgütern den Ministeriumsangaben zufolge zwar ein Auftragsplus von 1,5 %. Dabei kamen aber aus dem Ausland 2,7 % mehr Aufträge, die Inlandsaufträge fielen um 0,2 %. Die Aufträge für Konsumgüter stiegen um ein Prozent, die Vorleistungsgüter-Orders sanken um 2,3 %.

Die Auftragsdaten bestätigen Ökonomen zufolge, dass der Funke vom Export noch immer nicht übergesprungen ist. „Es bestätigt das Bild, dass die Binnenwirtschaft von der starken ausländischen Nachfrage nicht profitieren kann“, sagte Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. „Das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte hat sich stark abgeschwächt.“ Dagegen bekräftigte Bundeswirtschaftsminister Clement seine Einschätzung, dass die Erholung nicht an Fahrt verloren hat. „Wir haben keinen Grund zur Änderung unserer Einschätzung, sonst hätte ich schon Hinweise“, sagte Clement der Agentur Reuters. Das Wachstum habe auch im dritten Quartal auf dem Niveau der Vorquartale gelegen. Die offiziellen Daten zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am kommenden Donnerstag.

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