Umsatzzahlen
Nur punktuelle WM-Effekte im Einzelhandel

Die Fußballweltmeisterschaft vom 9. Juni bis 9. Juli hat in der Umsatzbilanz des deutschen Einzelhandels im Juni nur in Teilsparten positive Spuren hinterlassen. Der aktuelle Konjunkturaufschwung veranlasst außerdem nur größere Einzelhandelsunternehmen, 2006 mehr zu investieren als im Vorjahr.

ari DÜSSELDORF. Zu den WM-Gewinnern im Einzelhandel zählen insbesondere die Getränke- und Lebensmittellieferanten. Eindeutige Verlierer waren der Versandhandel sowie die Waren- und Kaufhäuser, die trotz verlängerter Ladenöffnungszeiten während der WM Umsatzeinbußen hinnehmen mussten. Günstig hat sich der Juni auch für die Bekleidungs- und Schuhverkäufer ausgewirkt – allerdings dürfte dies mehr auf die nach Pfingsten einsetzende Sommerhitze als auf die WM zurückzuführen sein. Diese Erkenntnisse lassen sich aus den heute vom Statistischen Bundesamt und von der Deutschen Bundesbank vorgelegten Zahlen zum Einzelhandelsumsatz schließen. Der Branchenverband HDE rechnet damit, dass der Einzelhandel durch die Weltmeisterschaft rund zwei Milliarden Euro mehr eingenommen hat. Diese Summe verteilt sich allerdings auf mehrere Monate.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben die Einzelhändler - ohne den Handel mit Kraftfahrzeugen und an Tankstellen - im Juni bei einem Verkaufstag weniger nominal zwar 0,4 Prozent mehr umgesetzt als im Vorjahresmonat, preisbereinigt bedeutet dies nach den ersten vorläufigen Ergebnissen aber ein Minus von 0,4 Prozent. Folgt man den kalenderbereinigten Zahlen der Bundesbank, die den Verkaufstageeffekt herausrechnen, gab es preisbereinigt gegenüber Juni 2005 jedoch ein Plus von 1,9 Prozent, nominal – also zu laufenden Preisen – sogar einen Umsatzzuwachs von 2,7 Prozent. Gegenüber dem Vormonat Mai kletterten die Umsätze real um 1,9 Prozent und damit erheblich stärker als von Bankvolkswirten erwartet.

Für Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren gaben die Verbraucher kalenderbereinigt 1,6 Prozent mehr aus als ein Jahr zuvor. Im Mai hatten die Händler in dieser Sparte noch Umsatzeinbußen von 2,6 Prozent auf Jahressicht hinnehmen müssen. Im Vergleich zu Mai lag das Plus mit Lebensmitteln und Getränken sogar bei 3,9 Prozent. Das gesamte Umsatzplus von nominal zwei Prozent dürfte deshalb überwiegend aus dieser Produktgruppe stammen. “Offensichtlich wurde während der WM mehr gegessen und getrunken“, sagte Commerzbank-Ökonom Matthias Rubisch. Nach seiner Einschätzung stammt ein Teil des Mehrumsatzes auch von den ausländischen Fans.

Die Umsätze für Textilien, Bekleidung, Schuhe und Lederwaren stiegen im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat kalenderbereinigt wie schon im Mai um gut vier Prozent, nahmen gegenüber Mai aber nur um 0,6 Prozent zu. Neue Fernsehgeräte mit Blick auf die WM hatten die Verbraucher offenbar schon in den Vormonaten – insbesondere im April – reichlich gekauft. Die Umsätze in der Rubrik Einrichtungsgegenstände, Haushaltsgeräte und Baubedarf weisen kalenderbereinigt im April den stärksten Anstieg auf Jahressicht (5,4 Prozent) auf, der sich danach auf Zuwachsraten von 3,6 und 3,1 Prozent abschwächt. Gegenüber Mai stiegen die Umsätze in dieser Sparte kaum (0,1 Prozent).

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes müssen sich der Versandhandel (unbereinigt minus elf Prozent) sowie Waren- und Kaufhäuser (minus 2,6 Prozent) zu den WM-Verlierern zählen. Das Minus auf Jahressicht war bei ihnen im Juni größer als im Durchschnitt des ersten Halbjahres. Wie stark die Mehrausgaben der Verbraucher im Einzelhandel den privaten Konsum im zweiten Quartal gestützt haben, lässt sich derzeit noch schwer abschätzen, weil noch Zahlen des Gaststätten- und Hotelgewerbes für Juni fehlen. Die amtliche Statistik wird erst Mitte August fortgeschrieben. Nach einer Halbzeitbilanz des Gaststätten- und Hotellerieverbandes Dehoga von Ende Juni zeigten sich insbesondere die Hotels in WM-Spielstädten sowie Gartenlokale, Biergärten und Gaststätten mit Terrassen zufrieden, die die Fußballspiele auf Großleinwänden übertrugen. Kneipen und Restaurants ohne Außengastronomie und ohne Übertragung der WM gehörten der Dehoga-Umfrage zufolge dagegen zu den Verlierern.

Da letztlich aber auch im Hotel- und Gaststättengewerbe ein positiver WM-Umsatzeffekt hängen geblieben sein dürfte, schätzt Alexander Koch, Ökonom bei der HVB, dass der private Verbrauch im zweiten Quartal gegenüber dem ersten preis- und saisonbereinigt um 0,3 Prozent gestiegen ist. Der Anstieg wäre damit allerdings nur halb so hoch wie im ersten Vierteljahr. Die Einzelhandelsumsätze ohne Auto- und Tankstellenhandel nahmen nach den vorläufigen Juni-Zahlen im zweiten Quartal nur um 0,2 Prozent gegenüber dem vorherigen Vierteljahr zu, im ersten Quartal waren es noch 1,1 Prozent. Einschließlich Kraftfahrzeuge und Tankstellen ergibt sich allerdings ein stärkeres Plus: Den Bundesbank-Zahlen zufolge stiegen die entsprechenden Gesamtumsätze im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 0,8 Prozent nach nur 0,2 Prozent in den ersten drei Monaten. Offenbar haben viele Kunden auch mit Blick auf die Mehrwertsteuererhöhung ab Januar 2007 bereits zwischen April und Juni Autokäufe getätigt. Von Vorzieheffekten wegen der Mehrwertsteuererhöhung erhofft sich der Einzelhandel auch in der zweiten Jahreshälfte zusätzliche Umsatzsteigerungen.

Im Zuge der besseren Absatzchancen ist ein Teil der Einzelhändler auch bereit, die sich seit 2002 verstärkende Investitionszurückhaltung aufzugeben. Das zeigt eine heute veröffentlichte Detailauswertung des Ifo-Investitionstests für den Einzelhandel. Neben Bauten, die auch von Projektentwicklungsgesellschaften zum Beispiel für neue Shopping-Center in Innenstädten durchgeführt werden, registriert das Münchener Ifo-Institut auch eine höhere Bereitschaft der Händler, in Ausrüstungen zu investieren. Hier habe sich bei der Innenausstattung der Geschäfte einschließlich Beleuchtungssysteme, EDV und Kassen auch Modernisierungsbedarf aufgestaut. Verstärkt werde jetzt zudem in Marketing und Maßnahmen investiert, die den Kunden Internet-Shopping ermöglicht. Der Lebensmittelhandel will außerdem seine Ausgaben für Energie sparende Kühlgeräte und für neue Leergutrücknahmeautomaten nach Änderungen der Pfandregelungen seit Mai steigern.

Nach Angaben Ifos überwiegen die Absichten, mehr zu investieren statt die Investitionsausgaben zu kürzen, allerdings nur in großen- und mittleren Einzelhandelsunternehmen. Kleine Unternehmen sähen dagegen ebenso wie die Händler in Ostdeutschland noch keine finanziellen Spielräume für höhere Investitionen. 2006 wollen nach dem Ifo-Investitionstest 15,9 Prozent der Einzelhändler mehr für Investitionen ausgeben, 24,1 Prozent über alle Größenklassen wollen hinweg die Investitionsbudgets kürzen. Noch 2005 war der Abstand viel größer: Damals wollten nur zwölf Prozent der Händler mehr investieren, aber 31,8 Prozent weniger.

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