Ungewöhnlich hohe Zahl von Arbeitstagen schafft 2004 Wachstum
Aufschwung durch Mehrarbeit umstritten

In diesem Jahr wächst die deutsche Wirtschaft praktisch von selbst – das wollen zumindest die Wirtschaftsforscher glauben machen. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik gab es so viele Arbeitstage wie in diesem Jahr. Und das alleine macht rund ein halbes Prozent mehr Wirtschaftswachstum aus, heißt es in praktisch allen Konjunkturprognosen für dieses Jahr.

cn/pbs/asr PARIS/DÜSSELDORF. Der morgige 1. Mai ist nur der erste von vier Feiertagen, die auf ein Wochenende fallen. 253 Arbeitstage hat 2004, heißt es in den amtlichen Tabellen des Statistischen Bundesamtes. Das sind 4,7 Tage mehr als im Vorjahr – dabei resultiert die Kommazahl aus der anteiligen Berücksichtigung von regionalen Feiertagen wie etwa Fronleichnam.

Vor allem Oppositionspolitiker und Wirtschaftsvertreter haben daraus ihre Forderung nach einer generellen Verlängerung der Arbeitszeit abgeleitet. Eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um nur eine Stunde schaffe ein Wachstum von über einem Prozent und rund 60 000 neue Stellen, rechnete CSU-Chef Edmund Stoiber entsetzten Arbeitnehmern und Gewerkschaftern kürzlich vor.

Was auf den ersten Blick wie eine einfache Rechnung aussieht – wenn für gleiches Gehalt mehr gearbeitet wird, brummt die Wirtschaft – entpuppt sich spätestens dann, wenn zwei Volkswirte aufeinander treffen, als komplexes Problem. Während die Deutsche Bundesbank – und mit ihr die gesamte Kompetenz der Wirtschaftsforschungsinstitute – für dieses Jahr von einem feiertagsbedingten Wachstumsplus von rund 0,5 Prozentpunkten gegenüber 2003 ausgeht, bezweifelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris gar jeglichen „Kalenderboom“.

OECD-Chefstatistiker Enrico Giovannini erwartet jedenfalls „fast keinen“ positiven Wachstumseffekt durch die höhere Zahl der Arbeitstage. „Wir müssen heute von einer Just-in-time-Produktion ausgehen, die sich an der Nachfrage orientiert: Unternehmen produzieren nur, was bestellt wird. Mehr Arbeitstage führen nur dann zu höherem Output, wenn auch die Nachfrage steigt, nicht aber automatisch“, argumentiert Giovannini.

„Mehr Arbeitstage schaffen nicht mehr Aufträge“, argumentiert auch Andreas Cors, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Immerhin sinke aber der Stundenlohn und damit steige die Produktivität. Das senke die Kosten der Unternehmer. „Wenn dann auch noch zusätzlich die Nachfrage steigt, kann die Produktion insgesamt steigen“, sagt Cors. Doch gerade der Konsum sei derzeit die Achillesferse der deutschen Konjunktur. Deswegen seien Forderungen, die Arbeitszeit durch Streichung von Feiertagen zu erhöhen, der falsche Ansatz.

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