Unternehmen sitzen auf riesigen Verbindlichkeiten
Schuldenabbau bremst Konjunktur

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Innerhalb eines drei Viertel Jahres hat der neue Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke den Schuldenberg seines Unternehmens deutlich abgebaut. Seit seinem Amtsantritt im Herbst 2002 sanken die Verbindlichkeiten des Konzerns um 11 Mrd. Euro auf jetzt 53 Mrd. – damit hat Ricke schon im Sommer fast das Ziel erreicht, das er sich bis zum Jahresende gesetzt hatte.

HB DÜSSELDORF. Nicht nur die Telekom hat bei der Reparatur ihrer Bilanzen Gas gegeben – deutsche Firmen liegen in der Euro-Zone beim Schuldenabbau vorne, zeigt eine Studie der Bank HSBC. In Deutschland sind die Unternehmensschulden seit dem Platzen der Spekulationsblase leicht zurückgegangen – auf rund 66 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In der Euro-Zone sind die Verbindlichkeiten von Firmen dagegen weiter gestiegen – von 66,3 % des BIP 1999 auf geschätzte 75,8 % 2002. „Deutsche Unternehmen sind ihre Schuldenprobleme aggressiver angegangen als die Firmen im Rest der Euro-Zone“, betont Gwyn Hacche von HSBC.

Die Investmentbank Goldman Sachs kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Deutsche Unternehmen hätten auf das Platzen der Spekulationsblase mit drastischen Investitionskürzungen und Entlassungen reagiert. Die Außenfinanzierungsquote – ein Indikator dafür, wie stark die Unternehmen bei Investitionen auf fremdes Geld zurückgreifen müssen – sei daher deutlich stärker gesunken als in Frankreich und Italien. Noch im Jahr 2000 habe diese Lücke in Deutschland bei mehr als 10 % der Wertschöpfung des Sektors gelegen – 2002 sei sie sogar leicht in den negativen Bereich gefallen. In Frankreich und Italien sei die Quote dagegen deutlich langsamer gesunken. „Die deutschen Unternehmen haben sich fitgemacht“, meint auch Ulrich Kater von der Deka-Bank.

In den anderen Ländern der Euro-Zone haben die Firmen daher noch mehr Aufräumarbeiten vor sich, bis sie die Exzesse der Boom-Jahre verarbeitet haben. Damals schossen die Gewinnerwartungen nach oben, und die Firmen verfielen in einen Investitionsrausch: Zwischen 1996 und 2000 kletterten sie Investitionen in der Euro-Zone laut HSBC von rund 14 % des BIP auf fast 24 % des BIP. Einen stetig wachsenden Anteil dieser Investitionen finanzierten die Firmen auf Pump – die Schuldenquote hat sich im gleichen Zeitraum um rund ein Viertel erhöht. „Der Anstieg der Verschuldung war erheblich“, sagt Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Bank CDC Ixis.

Hypothek für den Aufschwung

Dies erweist sich heute als Hypothek für den Aufschwung. „Das Erbe der hohen Verschuldung und der Überinvestitionen wird die Wirtschaft in der Euro-Zone wahrscheinlich noch eine ganze Weile belasten“, betont Gwyn Hacche von HSBC. Denn solange sich die Unternehmen darauf konzentrieren, ihre Bilanzen wieder in Ordnung zu bringen, sei ein deutliches Anziehen der Investitionen unwahrscheinlich. In einem kürzlich erschienenen „Working Paper“ warnt auch der Internationale Währungsfonds: Die nach wie vor bestehenden Bilanz- Probleme der Unternehmen in der Euro-Zone dämpften die Aussichten für ein Anziehen der Investitionen. Deka-Experte Kater rechnet damit, dass die Unternehmen in der Euro-Zone ihre Bilanzen erst im kommenden Jahr wieder in Ordnung gebracht haben.

Allerdings: Auch wenn die Unternehmen weiter den Schuldenabbau forcieren, sehen Bankenvolkswirte darin keine unüberwindbare Hürde für einen Aufschwung. „Die Erholung bei den Investitionen fällt durch den Schuldenabbau schwächer aus, aber sie wird nicht komplett verhindert“, sagt Elga Bartsch von Morgan Stanley.

Die Schuldenberge der europäischen Unternehmen könnten langfristig sogar den US-Dollar unter Druck bringen, fürchtet Artus von CDC Ixis. Er macht in erster Linie den deutlichen Anstieg der europäischen Direktinvestitionen in den USA zwischen 1998 und 2001 für die massiv gewachsenen Verbindlichkeiten der europäischen Firmen verantwortlich – im Zuge der Börsenbaisse haben die US-Zukäufe oft drastisch an Wert verloren. Artus ist sicher: „Die europäischen Unternehmen werden diese gestiegenen Schulden auf Dauer nicht akzeptieren.“

Um ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen, dürften sie sich einige Jahre mit Direktinvestitionen in den USA zurückhalten – dies würde die Kapitalzuflüsse aus Europa schmälern. Die USA können aber ihr gigantisches Loch in der Leistungsbilanz nur finanzieren, wenn das Ausland stetig Geld in die US-Wirtschaft pumpt. Versiegen die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, wertet der US-Dollar ab.

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