Unzufriedene US-Mittelklasse
Gute Stimmung an den Börsen lässt viele Amerikaner kalt

Die aktuellen US-Zahlen können sich sehen lassen: Die Arbeitslosenquote sank im Oktober auf 4,4 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit fünf Jahren. Doch gute Stimmung herrscht nur an den Börsen. Ökonomen rätseln über den Widerspruch zwischen glänzenden Konjunkturdaten und wirtschaftlichem Unbehagen im Land.

NEW YORK. Die um ihre Mehrheit im Kongress bangenden Republikaner von US-Präsident George W. Bush haben kurz vor der morgigen Wahl Rückenwind aus der Wirtschaft erhalten. Nach Angaben des Arbeitsministeriums in Washington ist die Arbeitslosenquote im Oktober auf 4,4 Prozent gesunken. Das ist der niedrigste Stand seit fünf Jahren. Zuletzt war die Arbeitslosigkeit im Mai 2001 mit 4,3 Prozent noch niedriger gewesen. Im September betrug die Quote noch 4,6 Prozent.

Der Beschäftigungszuwachs fiel im Oktober mit 92 000 neuen Jobs zwar nicht ganz so stark aus wie erwartet. Allerdings wurden die Zahlen der Vormonate deutlich nach oben korrigiert. Im August und September entstanden insgesamt 139 000 Stellen mehr als die Statistiker bislang vermeldet hatten. Unter dem Strich bedeutet dies, dass seit 2001 die Zahl der Beschäftigten um 5,8 Millionen zugenommen hat.

„Die Fakten zeigen, dass die Steuersenkungen zu einer starken und wachsenden Wirtschaft geführt haben“, sagte Präsident Bush. Politische Beobachter bezweifeln jedoch, dass die gute Beschäftigungsentwicklung die Kongresswahl wesentlich beeinflussen wird. Nicht nur, weil der Irak-Krieg das dominierende Wahlkampfthema ist, sondern auch, weil es dem Weißen Haus bislang nicht gelungen ist, die positiven Konjunktursignale in Wählerstimmen umzumünzen. So gibt eine knappe Mehrheit der Amerikaner ihrem Präsidenten für seine Wirtschaftpolitik die Note „unbefriedigend“. 51 Prozent trauen den Demokraten mehr zu.

Ökonomen rätseln über den Widerspruch zwischen glänzenden Konjunkturdaten und wirtschaftlichem Unbehagen im Land. Zumal im Moment alles nach einer weichen Landung der Konjunktur im Jahr 2007 aussieht und an den Börsen Rekordlaune herrscht. „Dass die Leute im kriselnden Industriestaat Ohio nicht zufrieden sind, ist kein Wunder“, sagt David Resler, Chefökonom der japanischen Großbank Nomura in New York, „aber das allgemeine Konsumklima ist doch gut“. Resler führt den Missmut auf überzogene Erwartungen zurück: „Viele Menschen glauben, dass der Wirtschaftsboom in den 90er-Jahren der Normalzustand ist. Wenn es mal nicht ganz so gut läuft, sind sie gleich enttäuscht.“

Selbst Finanzminister Hank Paulson räumt jedoch ein, dass „viele Amerikaner den Segen des Wirtschaftsaufschwungs nicht spüren“. Ökonomische Studien zeigen, dass vor allem die Unternehmen und gut ausgebildeten Spitzenverdiener die Gewinner der letzten Jahre waren. Die Realeinkommen der Mittelklasse haben sich trotz des rasanten Produktivitätsfortschritts kaum erhöht.

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