US-Arbeitsdaten bestätigen Sorgen
Keine Zinswende vor Mitte 2004

Die Erwartung der Finanzmärkte, dass die Notenbanken in Europa und den USA bald die Zinswende einläuten könnten, sind offenbar unrealistisch. Darin sind sich Volkswirte und Wertpapierstrategen der führenden Investmentbanken einig.

FRANKFURT. Ihrer Ansicht nach werden die Europäische Zentralbank (EZB) und die Federal Reserve (Fed) die Leitzinsen deutlich länger auf dem rekordverdächtig niedrigen Niveau von zwei Prozent und einem Prozent belassen – länger jedenfalls, als der Markt erwartet.

Der für die meisten Analysten gänzlich unerwartete neuerliche Verlust von 93 000 Arbeitsplätzen in den USA im August, der am Freitag gemeldet wurde, bestätigte die Sorgen der Volkswirte und ließ viele Marktteilnehmer ein wenig an ihrem Zinsszenario zweifeln. Sie verschoben am Freitag den erwarteten Termin für die erste Zinserhöhung um jeweils einen Monat auf April oder Mai in den USA und auf Mai oder Juni im Euro-Raum.

Damit liegen die Händler am Geldmarkt, wo die Banken untereinander Zentralbankgeld handeln, immer noch deutlich vor den meisten Bankvolkswirten. Diese rechnen vielfach noch mit weiter sinkenden Leitzinsen im Euro-Raum und bis ins Jahr 2005 mit auf einem Prozent verharrenden US-Leitzinsen.

Beide Notenbanken haben signalisiert, dass sie für die nächsten Monate keinen Bedarf für eine Leitzinsänderung sehen. Über den Dreimonatshorizont hinaus lässt die EZB alles offen. Fed-Chef Alan Greenspan hat dagegen den Märkten versichert, die Leitzinsen würden lange Zeit niedrig bleiben.

Diese Botschaft hat sein Kollege im Fed-Board, Ben S. Bernanke, am Freitag nochmals nachdrücklich unterstrichen. Bernanke sagte, es sei durchaus möglich, dass das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr auf über vier Prozent anziehe, fügte aber hinzu: „Stärkeres Wachstum wird möglicherweise nicht die gleiche Reaktion der Fed hervorrufen wie in der Vergangenheit.“ Denn starke Produktivitätszuwächse würden bewirken, dass die Arbeitslosigkeit nicht in dem Maße zurückgeht wie früher üblich. Zudem rechnet Bernanke mit weiter sinkenden Inflationsraten. Wenn das Wachstum unbefriedigend sein sollte, könnte die Fed die Leitzinsen auch nochmals senken, sagte Bernanke weiter. Zwei weitere Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank äußerten sich ähnlich. Einzig der Chef des Distrikts St. Louis, William Poole, hielt etwas dagegen. „Falls wir eine sehr kraftvolle Erholung bekommen sollten, wird klar sein, dass die Fed die Zinssätze eher früher als später anheben muss“, sagte Poole.

„Die Fed wird die Zinsen nicht anheben, bevor die Arbeitslosigkeit um etwa ein Prozent gesunken ist“, meint John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers. Das könnte dauern: Die Beschäftigung ist ungeachtet des Aufschwungs bis zuletzt kontinuierlich geschrumpft. „Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keinen Aufschwung mit einer so schlechten Arbeitsmarktentwicklung“, bemerkt Richard Berner, US- Chefvolkswirt von Morgan Stanley.

„Wir bezweifeln, dass die US- Wirtschaft nachhaltig so kräftig wachsen kann, wie zum Abbau der Überkapazitäten nötig ist.“ sagte Ed McKelvey von Goldman Sachs. Dazu sei die Sparquote der Haushalte zu niedrig und gebe es nicht genug aufgestaute Nachfrage.

Auch für Europa gehen fast alle privaten und offiziellen Prognosen davon aus, dass trotz des erwarteten Aufschwungs die Inflation zurückgeht. Zudem wird die Konjunkturerholung hier nach herrschender Meinung erheblich zögerlicher verlaufen als in den USA. „Die Markterwartungen einer deutlichen Zinserhöhung im nächsten Jahr sind sehr voreilig“, meint Jose Luis Alzola von der Citigroup. Die EZB habe signalisiert, dass der Inflationsdruck noch lange gering bleiben dürfte, auch wenn ihre Erwartung einer allmählichen Konjunkturerholung einträte.

Die Volkswirte von UBS erwarten, dass die EZB im Frühjahr, wenn der Markt mit der ersten Zinserhöhung rechnet, eine kräftige Zinssenkung beschließt. Nur die Ökonomen von Goldman Sachs haben Sympathie für die Markterwartung. Sie prognostizieren mit 2,6 Prozent im nächsten Jahr ein deutlich kräftigeres Wachstum als die Mehrheit und rechnen zur Jahresmitte 2004 mit einer Zinserhöhung durch die EZB, immerhin ein halbes Jahr vor der Fed.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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