US-Arbeitslosigkeit
Quoten wie zur großen Depression

Oftmals hinkt der Vergleich zwischen aktueller Wirtschaftskrise und "großer Depression", doch gibt es harte Zahlen: Laut „New York Times“ liegt die wahre Arbeitslosenquote der USA inzwischen bei 17,5 Prozent - dem Wert der 1930er-Jahre. Europa leidet unter diesen Horrorwerten gleich doppelt.
  • 0

HB FRANKFURT. Die höchste Arbeitslosenquote seit 26 Jahren, die das Arbeitsministerium der USA am Freitag bekanntgab, hat deutlich gemacht, dass die Zeit der sehr niedrigen Zinsen noch lange nicht vorbei ist. Die Quote sprang von 9,8 auf 10,2 Prozent. So hoch war sie zuletzt 1983. Die Zahl der Stellen außerhalb der Landwirtschaft sank um weitere 190 000. Das ist weniger als in den Monaten zuvor, aber doch deutlich mehr als Analysten erwartet hatten.

Laut „New York Times“ hat die Arbeitslosigkeit das Niveau der großen Depression der 1930er-Jahre erreicht: Die „echte“ Arbeitslosenquote liege bei inzwischen 17,5 Prozent. Immer mehr entmutigte Arbeitnehmer ließen sich nicht mehr registrieren und fielen daher durch die Maschen der amtlichen Statistik.

US-Präsident Barack Obama will mit weiteren Konjunkturmaßnahmen die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Er prüfe Investitionen in die Infrastruktur und Steuersenkungen für Unternehmen. „Ich kann ihnen versprechen, dass ich nicht lockerlassen werde bis alle Amerikaner, die Arbeit finden wollen, Arbeit gefunden haben und alle Amerikaner genug verdienen, um ihre Familien zu versorgen und ihr Geschäft am Laufen zu halten“, sagte er.

Der Arbeitsmarkt in den USA hat viel stärker unter der Krise gelitten als der europäische. Während die Arbeitslosenquote in Europa nur um zwei Punkte auf knapp zehn Prozent gestiegen ist, erhöhte sich die Rate in den USA um volle fünf Prozentpunkte. Und das, obwohl der Rückgang der Wirtschaftsleistung in den USA deutlich geringer war als in Europa. Gegenstück dieser Entwicklung ist, dass die Lohnstückkosten für die Unternehmen in Europa deutlich gestiegen, in den USA dagegen gefallen sind.

Seit der US-Arbeitsmarkt Ende 2007 in den Sog der Finanzkrise geriet, sind in dem Land über sieben Millionen Arbeitsplätze abgebaut worden. Die Beschäftigungsentwicklung in den USA ist einer der wichtigsten Indikatoren für die weitere Konjunkturentwicklung, nicht nur der USA, sondern auch Europas. Eine Untersuchung der Royal Bank of Scotland zeigt, dass die langfristigen Kapitalmarktzinsen in Europa auf Überraschungen bei diesen Zahlen stärker reagieren als bei jedem anderen heimischen oder ausländischen Konjunkturindikator. Für die Investoren am Rentenmarkt sind vor allem die Konjunkturerwartungen wichtig. Wenn sie aufgrund einer Nachricht ihr Anlageverhalten stark ändern, so kann man davon ausgehen, dass das daran liegt, dass sich ihre Einschätzung der Konjunkturperspektiven geändert hat.

„Die Exporte Europas in die USA und in andere Länder entwickeln sich meist gleichgerichtet", sagt Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland die überraschend große Abhängigkeit der europäischen Konjunktur vom US-Arbeitsmarkt. Die unangenehme Überraschung in den Zahlen für Oktober führte auch diesmal zu einer gleichgerichteten Reaktion am Rentenmarkt. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen sanken auf beiden Seiten des Atlantiks um etwa fünf Hundertstel Prozentpunkte. Das zeigt, dass eine spätere Zinserhöhung durch die Notenbanken erwartet wird als bisher.

Für die US-Konjunktur ist die Arbeitsmarktentwicklung unter anderem deshalb so wichtig, weil die Notenbank neben der Preisstabilität explizit auch der Wahrung eines hohen Beschäftigungsstands verpflichtet ist. Die Erst auf ihrer Sitzung letzte Woche machte Federal Reserve machte zuletzt deutlich, dass sie von ihrer extremen Niedrigzinspolitik nicht abrücken werde, bevor am Arbeitsmarkt eine Trendwende erkennbar sei.

Europa ist vom schwachen US-Arbeitsmarkt doppelt belastet. Zum einen steht er einer stärkeren Nachfrage amerikanischer Konsumenten nach europäischen Waren im Weg. Zum anderen bleibt mit einer späteren Abkehr der Notenbank von ihrer Niedrigzinspolitik ein wichtiger Faktor erhalten, der von vielen Ökonomen für die anhaltende Dollarschwäche und die entsprechende Euro-Stärke verantwortlich gemacht wird. Da eine ganze Reihe von Ländern ihre Währungen explizit oder implizit an den Dollar gekoppelt haben, leidet die preisliche Unter dem starken Euro leidet die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporteure in der Breite.

Die meisten Notenbanken der Welt hängten sich aus solchen Gründen daher an den von der Federal Reserve angeführten Geleitzug, meint Manoy Pradhan, Zinsstratege bei der Investmentbank Morgan Stanley. Es sei sehr schwer, sich von der lockeren Geldpolitik der Fed und der meisten anderen Notenbanken abzukoppeln.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " US-Arbeitslosigkeit: Quoten wie zur großen Depression"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%