US-Beobachter wissen nicht, was sie von der Politik der Notenbank halten sollen
Alan Greenspan - das Ende des Magiers

Die mächtigste Notenbank der Welt scheint ohnmächtig. Dauerhaft niedrige Zinsen verspricht die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) seit Anfang Mai. Damit will sie die lahmende Wirtschaft auf Trab bringen. Die Akteure auf den Finanzmärkten hören die Botschaft – allein ihnen fehlt der Glaube. Ist doch die Verzinsung der zehnjährigen US-Staatsanleihen seit Juni von 3,1 % auf 4,3 % nach oben geschnellt.

NEW YORK. Selten hat die Finanzgemeinde der Notenbank derart die kalte Schulter gezeigt. Niemand erwartet, dass der Riss auf der heutigen Fed-Sitzung gekittet wird.

Wer die Schuld an dem Desaster trägt, ist unter Experten umstritten. Fed-Kritiker wie Melvyn Krauss vom Forschungsinstitut Hoover Institution in Stanford sehen für den 77-jährigen Fed-Chairman Alan Greenspan bereits die Götterdämmerung gekommen. Der Magier unter den Notenbankern habe seine magische Kraft verloren und seine Glaubwürdigkeit verspielt, heißt es.

Adam Posen dagegen schiebt den Bondhändlern den Schwarzen Peter zu. „Sie klagen nur, weil sie Geld verloren haben“, sagt der Ökonom vom Institute for International Economics (IIE) in Washington. Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist die Klärung der Schuldfrage jedoch irrelevant. Wichtiger ist, dass steigende langfristige Zinsen den aufkeimenden Konjunkturfrühling in den USA abwürgen und somit die erklärte Fed-Strategie ad absurdum führen könnten.

Zur Erinnerung: Die US-Notenbank kann mit ihrem Leitzins lediglich sehr kurzfristige Zinsen für Ausleihungen unter Banken direkt beeinflussen. Auf längerfristige Zinsen hat sie nur mittelbaren Einfluss. Für die Investitionen der Wirtschaft sind jedoch langfristige Zinsen entscheidend, da Unternehmen größere Anschaffungen mit lang laufenden Krediten finanzieren.

Ebenso wichtig wie Investitionen sind für die US-Wirtschaft die Refinanzierungsbedingungen für Hypothekenkredite. Die niedrigen Zinssätze haben für Hausbesitzer lange Zeit günstige Umfinanzierungen ermöglicht und so Mittel für zusätzlichen privaten Konsum freigesetzt. Die Zinswende am langen Ende hat diese Konjunkturhilfe jetzt versiegen lassen. Seit Mai sind die Refinanzierungen um fast 60 % zurückgegangen. Jan Hatzius, Ökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York, hat ausgerechnet, dass der Anstieg der langfristigen Zinsen die US-Wirtschaft 1 % Wachstum kosten und die Rate im kommenden Jahr wieder unter den langfristigen Wachstumstrend von rund 3,5 % drücken könnte. „Die Fed hat ganz klar die Erwartungsbildung auf den Anleihemärkten unterschätzt“, sagt Hatzius.

Die Notenbank selbst ist ganz anderer Meinung. Sie rechnet für 2004 mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 4,75 %. Der Anstieg der langfristigen Zinsen reflektiere die gestiegenen Wachstumserwartungen, heißt es aus Fed-Kreisen. Das robuste Wirtschaftswachstum von 2,4 % im zweiten Quartal scheint diese These zu stützen. „Der Wachstumsoptimismus erklärt den Zinsanstieg nur zum Teil“, hält Goldman-Ökonom Hatzius dagegen. Mitverantwortlich seien auch die Kommunikationsfehler der letzten Monate. Selbst Fed-Gouverneur Ben Bernanke räumt ein, dass die Vermittlung der Geldpolitik inzwischen zu den wichtigsten Aufgaben der Notenbank gehört. Eine Studie soll nun Aufschluss darüber geben, wie die Fed sich besser verständlich machen kann. Wie groß die Konfusion ist, zeigt auch das ungewöhnliche Verhalten vieler professioneller Fed-Beobachter vor der heutigen Notenbank-Sitzung. Die Fed-Watcher überbieten sich mit Ratschlägen, was Greenspan & Co. tun sollen. „Die Fed sollte ihre Ziele klar darlegen und auch sagen, wie sie diese erreichen will“, fordert zum Beispiel Richard Berner, Ökonom bei der Investmentbank Morgan Stanley in New York. Skeptisch bleibt Cary Leahey, Volkswirt bei der Deutschen Bank: „Die Fed versucht, zu clever zu sein. Das ist bereits danebengegangen.“

Keiner der Experten erwartet heute eine Zinsänderung durch die Notenbank. Die Mehrheit glaubt, dass die Leitzinsen mindestens bis Mitte kommenden Jahres auf dem Niveau von einem Prozent bleiben werden. Viele rechnen gar mit einer Zinspause bis 2005. „Voraussetzung für eine Zinserhöhung sind ein deutlich stärkeres Wachstum und der Rückgang der Arbeitslosigkeit“, sagt Leahey. Ganz sicher ist er sich nach den jüngsten Kommunikationspannen der Fed jedoch nicht.

Was wollen die Notenbänker

Erst gewonnen: Am 6. Mai erklärt die US-Notenbank den Kampf gegen die Inflation praktische für gewonnen. Neuer Feind der Währungshüter ist jetzt die Deflation – also ein anhaltender, allgemeiner Preisverfall. Die Bondmärkte sehen das als Signal, dass die Fed zur Not auch mit dem direkten Aufkauf von Staatsanleihen die langfristigen Zinsen drücken würde. Die Verzinsung der zehnjährigen US- Anleihen sinkt daraufhin bis Mitte Juni auf 3,1 % – den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.
Dann zerronnen: Kommando zurück, heißt es völlig überraschend nach der Fed-Sitzung Ende Juni. Die Deflationsgefahr ist doch nicht so groß. Statt der erwarteten Zinssenkung um 50 Basispunkte lockert die Notenbank ihre Zügel nur um 25 Basispunkte. Von einem direkten Eingriff auf den Bondmärkten ist keine Rede mehr. Die Bondhändler verkaufen in Scharen und treiben die langfristige Verzinsung kräftig nach oben. Genau das Gegenteil von dem, was die Notenbanker eigentlich erreichen wollten. Und Fed-Chef Greenspan setzt noch einen drauf: bei seinem Halbjahresbericht Mitte Juli spricht er mehr über Wachstum als über Deflation. Der Ausverkauf ist nicht mehr zu stoppen. Die Verzinsung der zehnjährigen Bonds schnellt auf 4,5 % nach oben.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%