US-Verbraucher sind hoch verschuldet – Ökonomen sehen darin eine Gefahr für das Wachstum
Die Amerikaner haben das Sparen verlernt

„Buy now, pay later“ steht in großen Buchstaben an der Schaufensterscheibe eines kleinen Elektrokaufhauses in Manhattan. Dieser Lockruf ist das Leitmotiv einer ganzen Wirtschaft. Warenhäuser verlangen erst nach einem Jahr die erste Rate, Autokonzerne wetteifern mit scheinbar kostenlosen Finanzierungsangeboten um die Kundschaft, Hypothekenbanken verzichten (zunächst) auf Zins- und Tilgungszahlungen. Amerikas Konjunkturlokomotive wird kräftig mit billigem Geld geschmiert. Sparen scheint hier ein Fremdwort zu sein.

HB NEW YORK. Was sich gesamtwirtschaftlich in einem riesigen Leistungsbilanzdefizit von mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zeigt, spiegelt sich auf der mikroökonomischen Ebene seit drei Monaten in einer negativen Sparquote der privaten Haushalte wider. Seit Juli geben die US-Bürger mehr Geld aus, als sie einnehmen. Möglich ist das nur, weil viele Haushalte ihren Konsum auf Pump finanzieren – sei es mit Kreditkarten, Verbraucherdarlehen oder Beleihungen auf ihr Aktien- und Immobilienvermögen.

Ökonomen wie Stephen Roach, Chefvolkswirt der New Yorker In-vestmentbank Morgan Stanley, warnen seit langem vor den möglichen Folgen dieser Sorglosigkeit. „Wir haben seit (der Weltwirtschaftskrise) Anfang der 30er-Jahre dauerhaft keine negative Sparrate mehr gehabt“, sagt Roach. Die US-Bürger hätten heute kaum Rücklagen, um zum Beispiel die stark steigenden Energiekosten abzufedern. Nach dem Ölpreisschock in den 70er-Jahren habe die Sparquote dagegen noch bei mehr als neun Prozent gelegen. Zum Vergleich: In Japan und Europa legen die Privathaushalte auch heute noch zwischen sieben und zehn Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante.

Besorgt sind jedoch nicht nur notorische Skeptiker wie Roach. Auch der amerikanischen Notenbank wird langsam mulmig zumute. Richard Fisher, Präsident der Federal Reserve (Fed) in Texas, nennt die mangelnde Sparsamkeit nicht gerade ein ermutigendes Zeichen für die künftige Kaufkraft der US-Verbraucher. Und Fed-Chef Alan Greenspan führt den stetigen Rückgang der Sparquote seit 1995 vor allem darauf zurück, dass die Amerikaner den starken Anstieg ihrer Immobilienwerte genutzt haben, um auf Pump zu leben. Nach Berechnungen der US-Notenbank geht etwa die Hälfte aller mit Hypotheken gesicherten Darlehen in den privaten Konsum. „Die (Immobilien-) Märkte haben den Leuten das Sparen abgenommen“, sagt Jan Hatzius, Ökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York.

Auf den ersten Blick sind die Folgen dramatisch. Noch nie hatten die Privathaushalte mehr Schulden als heute. Noch nie konnten so viele US-Bürger ihre Kreditkartenrechnungen nicht mehr fristgerecht bezahlen. Auf der anderen Seite haben sich viele Amerikaner dank der Vermögenszuwächse durch steigende Haus- und Wertpapierpreise noch nie so reich wie heute gefühlt. Diese Zugewinne werden allerdings nicht bei der Berechnung der Sparquote mitgezählt. Nach Meinung von David Malpass, Chefökonom der Investmentbank Bear Stearns, sparen die Amerikaner heute sogar mehr als die Japaner und Europäer – sie sparen nur anders.

Einig sind sich die Experten, dass der Schlüssel für die Spartätigkeit im Immobilienmarkt zu finden ist. „Ein Ende des Immobilien-Booms könnte zu einem starken Anstieg der Sparrate führen“, sagt Greenspan. Der Notenbanker rechnet jedoch nicht mit ernsthaften Konsequenzen für die US-Wirtschaft. „Die große Mehrheit der Hausbesitzer verfügt über ein Vermögenspolster, das einen Rückgang der Immobilienpreise auffangen kann“, glaubt der Fed-Chef. Mit herben Verlusten müssten vor allem jene Hauseigentümer und ihre Kreditgeber rechnen, die mit riskanten Finanzierungsmodellen auf einen dauerhaften Boom gewettet hätten. Wie stark der negative Vermögenseffekt auf den privaten Verbrauch durchschlage, sei dagegen eine „offene Frage“.

Hatzius glaubt, die Antwort zu kennen. Seiner Meinung nach muss die Sparquote in den kommenden fünf Jahren auf ein Niveau zwischen sechs und zehn Prozent steigen, um die amerikanische Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Ohne eine Rezession ist das vermutlich nicht zu schaffen“, sagt er.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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