US-Wirtschaft
Bernankes riskante Wette

Die amerikanische Notenbank schwankt zwischen Rezessionsängsten, Inflationsgefahren und Markterwartungen. Einige Konjunkturdaten deuten auf eine Entspannung der Lage hin. Doch die große Unbekannte bleibt die Kreditkrise.

NEW YORK. Auf den ersten Blick hat Ben Bernanke alles richtig gemacht. Der Chef der US-Notenbank signalisiert eine Zinspause just an dem Tag, an dem die US-Wirtschaft trotz aller Kassandrarufe ein annualisiertes Wachstum von immerhin 0,6 Prozent für das erste Quartal 2008 meldet. Mit anderen Worten: Die Rezession könnte milder ausfallen als befürchtet, und die Wirtschaft braucht deshalb keine Anschubhilfe mehr von der Notenbank (Fed). "Mission accomplished" könnte Bernanke sagen. Die Mehrheit der Investoren sieht das ähnlich und wettet auf eine Zinspause bis zum Ende des Jahres.

Auf den zweiten Blick sieht die Lage jedoch viel komplizierter aus. "Die Wachstumszahlen sind irreführend", warnt Harvard-Professor Martin Feldstein. Die Konjunktur sei viel schwächer, als es den Anschein habe. Tatsächlich sind die USA im ersten Quartal nur deshalb knapp an einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorbeigeschrammt, weil die Unternehmen ihre Läger aufgefüllt haben.

Bereits jetzt ist erkennbar, dass sich das im laufenden Quartal nicht wiederholen wird. Autohersteller wie General Motors sind bereits dabei, ihre Produktion für Geländewagen und Trucks weiter einzuschränken. Selbst der schwache Dollar und das starke Exportwachstum von 5,5 Prozent können die wirtschaftliche Talfahrt nicht bremsen.

Feldstein und andere Ökonomen sagen deshalb für die US-Wirtschaft schwere Zeiten voraus und rechnen mit einer langen, tiefen Rezession. Sie verweisen dabei auf den Einbruch im Konsum, der nur noch mit einer Jahresrate von einem Prozent wächst. Auch die Investitionstätigkeit der Firmen hat spürbar nachgelassen. "Das größte Risiko sind jedoch die rapide fallenden Hauspreise", sagt Feldstein.

Behalten die Pessimisten recht, sitzen Bernanke & Co. in der Zwickmühle. Sie rufen ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt die Zinswende aus, da viele Amerikaner um ihre Einkommen und Arbeitsplätze bangen. Heute wird das Arbeitsministerium vermutlich den vierten Beschäftigungsrückgang in Folge vermelden. Da lässt sich eine Zinswende im Wahljahr schwer vermitteln.

Aber auch ökonomisch sitzt die Fed zwischen allen Stühlen. In sieben zum Teil recht großen Schritten hat die Notenbank die Leitzinsen in Amerika um 3,25 Prozentpunkte auf zwei Prozent gedrückt. Ein Großteil dieser Anschubhilfe ist in der Wirtschaft noch gar nicht angekommen. Brauchen Zinssenkungen doch mindestens sechs Monate, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten. Bernanke muss deshalb auf die Bremse treten, obwohl sich der Konjunkturhimmel in den kommenden Monaten weiter eintrüben dürfte.

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