US-Wirtschaft
Hoffen auf den Kavalierstart

Ausgerechnet die marode Autometropole Detroit, eines der Symbole schlechthin für die aktuelle Rezession, mutiert derzeit zum Sinnbild aller Hoffnungen in der US-Wirtschaft. Denn leergeräumte Lager lassen eine erhöhte Produktion erwarten. Experten sind skeptisch, ob das prognostizierte Wachstum mehr als nur ein Strohfeuer ist.
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NEW YORK. Wie viele Branchen fiel die Autoindustrie im ersten und zweiten Quartal in eine Art Wachkoma. General Motors (GM) und Chrysler durchliefen eine Insolvenz, schlossen Fabriken und ganze Marken zeitweise oder für immer und schalteten wie auch Konkurrent Ford auf Sparflamme. Gleichzeitig kurbelte die Regierung in Washington mit der US-Variante der Abwrackprämie den Absatz der auf Halde stehenden Vorkrisenproduktion an. Erst am Freitag wurde das Programm wegen der großen Nachfrage um zwei Mrd. Dollar aufgestockt. Die Folge sind leere Läger, die sogar die Gebrauchtwagenpreise steigen lassen: "Wir haben Probleme, Fahrzeuge zu wirtschaftlichen Preisen zum Aufkauf zu finden", erklärte Earl Hesterberg, Chef der Händlerkette Group 1, seinen Aktionären.

Um die Nachfrage am Automarkt zu decken, dürften GM & Co. die Produktion im dritten Quartal Schätzungen zufolge wieder um 60 Prozent hochfahren. Die Branche steht vor einem Kavalierstart, der nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs auch die Gesamtwirtschaft massiv antreiben könnte. Zwei Prozentpunkte Wachstum könnte allein Detroit beisteuern.

So oder so ähnlich sieht es in vielen Branchen aus. Im zweiten Quartal brachen die Lagerbstände noch einmal um 141 Mrd. Dollar ein. In den ersten drei Monaten waren sie um 114 Mrd. Dollar geschrumpft. "Das ist ein gutes Zeichen, denn irgendwann müssen die Firmen die Produktion wieder aufnehmen", sagt Burt White, Chefstratege bei LPL Financial.

Die USA schöpfen Hoffnung auch daraus, dass sich der Abschwung in der schwersten Rezession seit 1947 langsam abzuschwächen scheint. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufs Jahr hochgerechnet (annualisiert) nur noch um ein Prozent, nach 6,4 und 5,5 Prozent in den beiden vorausgegangenen Dreimonatszeiträumen. Ähnliche Signale zeigen viele Konjunkturindikatoren. Zugleich sind schon im zweiten Quartal die Staatsausgaben gestiegen, und die Zuteilung der Mittel aus dem 787 Mrd. Doller schweren Konjunkturprogramm hat gerade erst begonnen.

Der Grund, warum dennoch keine Jubelstimmung aufkommen will, ist der von der wachsenden Arbeitslosigkeit geschockte Verbraucher. Dessen Ausgaben stehen für über 70 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Trotz Steuerrückerstattung und Konjunkturprogrammen hält er sein Geld weiter beisammen, statt es auszugeben. So fiel der private Konsum im zweiten Quartal um 1,2 Prozent, nachdem er in den ersten drei Monaten noch leicht um 0,6 Prozent gestiegen war. Zum Ende früherer Rezessionen hatten die USA auf eine massive Rückkehr des Bürgers in die Geschäfte rechnen können, so dass die Erholung zumeist mehrere Quartale hintereinander sehr heftig ausfiel. Damit, da sind sich die Experten derzeit einig, ist dieses Mal angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und hohen Verschuldung vieler Verbraucher nicht zu rechnen. Nach einem starken dritten Quartal mit einem annualisierten Wachstum von zwei bis drei Prozent rechnen sie daher bestenfalls mit einer sehr langsamen Erholung.

Ob der Verbraucher vielleicht doch auch für eine positive Erholung gut ist, wird sich vielleicht schon am kommenden Freitag zeigen, wenn die neuen Arbeitsmarktdaten kommen. Erwartet wird, dass im Juli 34 000 Jobs verlorengingen - eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Minus von 46 700 im Juni. Die Arbeitslosenquote würde damit auf 9,7 von zuletzt 9,5 Prozent steigen. Die US-Regierung hatte zuletzt deutlich gemacht, dass die Bewertung der Wirtschaftsentwicklung von der Situation am Arbeitsmarkt abhänge. Finanzminister Timothy Geithner stellte gestern in einem TV-Interview für das Jahresende ein weiteres Konjunkturpaket zum Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit in Aussicht

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