Verbraucherschutz
Ökonomen zweifeln am „mündigen Verbraucher“

Das Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert eine neue Verbraucherschutzpolitik in den wachsenden Märkten für Gesundheit, Rente und Finanzprodukte. Der Bürger müsse besser informiert werden, um ein Marktversagen zu verhindern, fordern die Ökonomen.
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BERLIN. Die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) setzen sich für ein neues Leitbild im Verbraucherschutz ein. "Die aktuelle Verbraucherpolitik wird geprägt vom Bild der Konsumentensouveränität", sagte Christian Wey, Abteilungsleiter beim DIW, gestern bei der Vorstellung des neuen Vierteljahreshefts in Berlin. "Informationsdefizite führen aber zu Marktversagen." Diese Defizite könnten auch entstehen, wenn der Verbraucher zu viele Informationen erhalte. Entsprechend müsse der Staat regulieren.

Das DIW schließt sich damit der Kritik führender Verhaltensökonomen an, die auch im wissenschaftlichen Beirat von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) mitarbeiten. So kritisiert etwa der Bamberger Finanzwissenschaftler Andreas Oehler die Banken. "Die Beratung ist provisionsgetrieben und nicht an den Bedarf der Kunden angepasst", sagte er dem Handelsblatt. Informierte Kunden erhielten mehr Beratungszeit und-inhalt als uninformierte.

Ende November will der Beirat Empfehlungen an Aigner beschließen. Das Konzept sieht eine harte Regulierung der Produkte vor, um dem Verbraucher zu schützen.

Die DIW-Forscher kritisieren, dass die Verbraucher speziell im Finanzsektor verunsichert seien. "Das Vertrauen kehrt erst dann zurück, wenn es eine Zertifizierungsagentur für Finanzprodukte, eine Umkehr der Beweislast zugunsten der Verbraucher und einen Nachweis der Anbieter gibt, dass die Produkte nicht schädlich sind", sagte Wey. Man müsse beim Verbraucherschutz auf der Anbieterseite ansetzen.

Die DIW-Forscher kommen zu dem Schluss, dass zu viele Wahlmöglichkeiten zu schlechten Ergebnissen führen können. Dies schade Verbrauchern dann, wenn sie Produkte kaufen wollen, bei denen sie dem Verkäufer vertrauen müssen. So sei es unmöglich abzuschätzen, ob sich eine Altersvorsorge in zehn oder 30 Jahren als richtig erweist. "Das ist der Grund, warum viele nicht vorsorgen", sagte DIW-Forscherin Kornelia Hagen. Verunsicherung herrsche vor allem bei der Gesundheits- und Altersvorsorge. Anlegern sei etwa nicht bewusst, dass ein zertifiziertes Riester-Produkt nicht auf seine Rendite hin zertifiziert sei.

Die DIW-Forscher fordern eine Ampelkennzeichnung, die Verbrauchern auf den ersten Blick zu erkennen gibt, ob ein Produkt unbedenklich ist oder nicht. Zudem sollten die Kosten für einen unabhängigen Berater ebenso von der Steuer absetzbar sein wie etwa die Kosten für einen Steuerberater.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent

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