Verschuldete Industrieländer: IWF warnt vor Panik an den Märkten

Verschuldete Industrieländer
IWF warnt vor Panik an den Märkten

Um ihre massive Verschuldung unter Kontrolle zu bringen, müssen die Industrieländer eine wachstumsfreundliche Politik betreiben sowie die finanzpolitischen Institutionen und Instrumente reformieren, fordert der Internationale Währungsfonds (IWF). In einem Positionspapier bemängelt der Fonds, dass die G7-Staaten in wirtschaftlich guten Zeiten zu wenig unternommen haben, um ihre Verbindlichkeiten abzubauen.
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WASHINGTON/ZÜRICH. Gut einen Monat vor seiner Herbsttagung legt der IWF damit erneut den Finger in die Wunde. Eine wachsende Zahl von Ländern habe die fiskalische Handlungsfreiheit schon verspielt. In Griechenland, Italien, Japan und Portugal könne nur ein radikaler Kurswechsel noch die Staatspleite abwenden.

Aber auch die USA und Großbritannien zählt der IWF inzwischen zu jener Gruppe von Ländern, deren Spielräume sich immer weiter einengen. So sagen die Volkswirte für die USA einen Schuldenstand von fast 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in 2015 voraus. Auch Deutschland leide unter dem wachsenden Schuldenberg. Die Schuldenquote werde in fünf Jahren von zuletzt 72,5 auf 81,5 Prozent steigen. Solider sind die Staatsfinanzen nur in Ländern wie Australien, Dänemark, Israel und Norwegen.

Die kritische Grenze liegt nach Meinung des früheren IWF-Chefökonomen Kenneth Rogoff bei einem Schuldenstand von 90 Prozent des BIP. Ab dann müssten die betroffenen Länder mit erheblichen Wachstumseinbußen rechnen.

Auch die IWF-Experten warnen die USA indirekt davor, die finanziellen Spielräume ganz auszureizen. Heftige Marktreaktionen und stark steigende Zinsforderungen der Gläubiger könnten ein Land schlagartig aus der Bahn werfen, wenn die wirtschaftliche Schuldengrenze in Sichtweite komme, schreiben die IWF-Experten in ihrem aktuellen Statement.

Für Untergangsszenarien sieht der IWF dennoch keine Basis. In einem weiteren Papier wendet sich der Fonds gegen die These, dass hohe Aufschläge auf Staatsanleihen einen „Default“, also einen Staatsbankrott, der zu einer Währungsreform oder einem Gläubigerverzicht führen könnte, unabwendbar mache. Diese Vision war während der Griechenland-Krise immer wieder beschworen worden. „Unserer Ansicht nach ist das Risiko, dass es zu einer Umstrukturierung der Schulden kommen wird, deutlich überzeichnet“, heißt es.

Zwar bleibe die Lage der Weltwirtschaft unbeständig, mit plötzlichen Marktreaktionen müsse man rechnen. Doch wiesen die Marktsignale häufig eben nicht in die richtige Richtung, betont der IWF. So hätten die Aufschläge, die auf Staatsanleihen gezahlt werden mussten, oft falschen Alarm ausgelöst. Seit 1990 hätten die Märkte 36-mal Aufschläge von über 1.000 Basispunkten gefordert – in der Annahme, dass die Mexiko-, Rubel-, Asien-, Argentinien- oder Lehman-Krise eine Lawine der Zahlungsunfähigkeit auslösen würde. Tatsächlich sei es nur in sieben Fällen zum Staatsbankrott gekommen. 29 Länder, denen bereits die Pleite prophezeit worden war, wendeten diese ab.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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  • Der iWF verheimlicht eigentlich das Wichtigste:
    Die größte Volkswirtschaft der Welt hatte in den letzten 20 Jahren die Weltwirtschaft am Laufen gehalten, durch Wohlstand auf Pump. Doch das Perpetuum-Mobile ist Mitte 2007 ausgegangen.

    in den letzten 2 Jahren haben die Staaten weltweit ca. 30 billionen Dollar für banksterrettungs- und Konjunkturstrohfeuerpakete ausgegeben, ohne den gewünschten Erfolg. Jetzt sind die Retter pleite. Unseren „Aufschwung“ haben auch wir nur diesen neuen Staatsschulden zu verdanken. Außer China, die können noch mit (schon) wertlosen Dollars bezahlen.

    bereits vor ein paar Monaten forderte der iWF bereits neue und noch größere Konjunkturstrohfeuerpakete, um das zarte Pflänzchen „Aufschwung“ nicht abzuwürgen.
    Durch billionenkredite hatte man dem Pflänzchen „Aufschwung“ Wurzeln angeklebt. Doch diese sind nun abgestorben.

    Die Krise ist noch nicht bei den bürgern angekommen. Erst jetzt, wenn die Konjunkturstrohfeuerpakete auslaufen und nicht nachgelegt werden kann, dann erst bricht der Welthandel komplett zusammen, adäquat zu 2008, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitslosenzahlen, weltweit! Und dies für längere Zeit.

    Das Armageddon wurde also nicht verhindert, sondern lediglich a bissl hinausgeschoben. Also kein Grund zur Panik. Noch kann man sein Vermögen günstig und sicher in Edelmetalle umschichten – bevor die börsen kollabieren.

    Der erträumte Aufschwung – Eine Fata Morgana.

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