Versprechen eingehalten
China wächst munter weiter

Trotz der schwachen Nachfrage aus den USA bleibt das Wachstum in der Kontrollwirtschaft auf hohem Niveau - doch nun steigt die Inflation bedrohlich an. Der chinesischen Regierung scheint eine weiche Landung der Wirtschaft zu gelingen. Im dritten Quartal wuchs Chinas Bruttoinlandprodukt (BIP) im Jahresvergleich um 9,6 Prozent.
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HB Peking. Die Wachstumszahl liegt zwar niedriger als in den Vorquartalen, entspricht aber genau den Zielvorgaben der Wirtschaftsplaner des ostasiatischen Landes, wie das nationale Statistikamt am Donnerstag in Peking mitteilte. Zugleich steigt jedoch auch die Inflation - und zwar da, wo es den einfachen Bürgern besonders weh tut: Vor allem die Preise für Lebensmittel und Wohnen gingen im Sommer kräftig herauf. "Wir rechnen zwar damit, dass die Regierung durch die Preise durch Freigabe von Nahrungsmittelreserven drücken will, doch die Inflation wird trotzdem tendenziell steigen", kommentiert Ökonom Jian Chang von Barclays Capital.

Chinas Wirtschaftsplanern gelingt es zumeist, ihre Wachstumsversprechen zu erfüllen. Derzeit versuchen sie, zwei widersprüchliche Ziele zu vereinen: Trotz fortgesetzter Krisenstimmung in Amerika soll die Konjunktur rund laufen - aber trotzdem sollen keine Spekulationsblasen entstehen. Die Regierung unter Präsident Hu Jintao ist sich bewusst, die Verantwortung für den letzten weltweit verbliebenen Wachstumsmotor zu tragen. Sie hat daher im Frühsommer den Geldhahn diskret wieder aufgedreht, um den Binnenkonsum zu stimulieren. Den aktuellen Zahlen zufolge hält Peking an dieser Politik fest: "Die geldpolitischen Daten zeigen, dass die Politik des lockeren Geldes auch im September weiterlief", schreibt Yu Song von Goldman Sachs.

Schon in den zwei Jahren zuvor hatte Peking viele hundert Milliarden Euro in die Wirtschaft gepumpt, um den Ausfall der Nachfrage aus den USA und der EU in der Krise auszugleichen. Dazu kommt eine weiterhin hohen Kreditvergabe durch die Banken - Chinas Wirtschaft schwimmt im Geld. Die hohe Verfügbarkeit von Mitteln zeigt sich beispielsweise im Einzelhandelsumsatz, die im September 19 Prozent höher lagen als im Vorjahresmonat. Auch die Industrie reagierte und gab in den ersten neun Monaten des Jahres ein Viertel mehr für Anlagegüter aus. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, die Löhne steigen.

Doch billiges Geld bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Spekulanten, aber auch wohlhabende Verbraucher heizen eine Blase am Immobilienmarkt durch immer teurere Hauskäufe weiter an. Zwar trägt auch der Immobilienboom in der Statistik zum Wachstum bei, zumal die Bauindustrie und ihre Netz von Zulieferern von den vielen Baustellen profitiert. Doch der Kater wird dadurch nur um so größer ausfallen, wenn die Preise einmal nachgeben. Die am meisten gefürchtete Nebenwirkung ist jedoch die Inflation: Die Teurungsrate stieg im August auf 3,6 Prozent. Die Nahrungspreise steigen im Jahresvergleich sogar um 8,8 Prozent. Ökonomen von Barclays Capital erwarten für Oktober einen Anstieg der Inflation auf vier Prozent.

Bei 9.6 Prozent Wachstum ist eine Inflation von vier Prozent zwar im Gesamtbild gut zu verkraften und vermutlich langfristig unvermeidlich. Ein guter Teil der chinesischen Bevölkerung lebt jedoch in sehr einfachen Verhältnissen und kommt mit weniger als hundert Euro im Monat aus. Etwa die Hälfte des Milliardenvolks lebt zudem noch auf dem Lande - und die Bauern haben nur geringen Anteil an dem Boom der Industriestädte. China hat sich überdies daran gewöhnt, hohes Wachstum bei niedriger Inflation zu verzeichnen, was durch den hohen Vorrat an preiswerter Industriearbeit und hohe Exporte möglich war. Die Regierung tut daher derzeit alles, um diesen paradiesischen Zustand zu erhalten - zumindest noch solange, wie es ökonomisch gesehen überhaupt geht. Experten erwarten daher, dass sie die überschüssige Liquidität in der Wirtschaft in den kommenden Quartalen wieder abschöpft.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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