Volkseinkommen
Deutsche verlieren weit über 60 Milliarden wegen Krise

In der Rezession sanken die Vermögenserträge und Gewinne in Deutschland deutlich, auch die Kaufkraft brach ein. Doch es gab auch Lichtblicke.
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HB BERLIN. Die Rezession hat das deutsche Volkseinkommen deutlich verkleinert und als erstes die zuvor boomenden Vermögens- und Gewinneinkommen gemindert. Dies belegt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, der am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde. Erträge aus Gewinnen und Vermögen schrumpften demnach im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 66 Milliarden von 337 auf 271 Milliarden Euro.

Die Bruttolohnsumme, also das Einkommen der breiten Arbeitnehmerschaft, stieg hingegen in der ersten Jahreshälfte noch minimal um gut zwei Milliarden Euro an. Netto, nach Anrechnung von Steuern und Abgaben, büßten allerdings auch die abhängig Beschäftigten an Kaufkraft ein: Sie hatten drei Milliarden Euro weniger zur Verfügung als in der ersten Jahreshälfte 2008. WSI-Leiter Claus Schäfer zog das Fazit: „Diese relative Stabilität ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Konjunktur insgesamt nicht noch weiter abgestürzt ist.“

Zu bedenken ist laut Schäfer aber zugleich, dass viele Unternehmen mit hohen Reserven in die Krise gegangen sind, viele Arbeitnehmer hingegen nicht. Gerade bei den Lohneinkommen werde der Druck in nächster Zeit daher zunehmen, prognostizierte der Verteilungsexperte. „Kommende Einkommensverluste durch kürzere Arbeitszeit, aufgeschobene oder angerechnete Tariferhöhungen, Verdrängung von Vollzeit durch Teilzeit und steigende Arbeitslosigkeit werden sich in deutlich weniger Nachfrage niederschlagen.“

Als Gegenmaßnahmen schlägt Schäfer vor, dass der Staat Arbeitszeitverkürzungen zum Erhalt von Jobs gezielt unterstützt, einen gesetzlichen Mindestlohn einführt sowie eine grundlegende Reform des Kinderlastenausgleichs in Angriff nimmt. Eine einheitliche „Kindergrundsicherung“ sorge für mehr Gerechtigkeit und stütze die Binnennachfrage.

Der Experte verwies auf Statistiken, die die nach wie vor ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland aufzeigen. Vom privaten Vermögen besitze die „untere“ Hälfte der deutschen erwachsenen Bevölkerung per Saldo nach Abzug aller Schulden fast nichts. Zehn Prozent aus dieser Gruppe haben sogar nur negatives Vermögen, also Schulden. Auf der anderen Seite konzentriere die „obere“ Bevölkerungshälfte fast das gesamte private Netto-Vermögen auf sich, darunter allein die obersten zehn Prozent fast zwei Drittel davon.

Kommentare zu " Volkseinkommen: Deutsche verlieren weit über 60 Milliarden wegen Krise"

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  • > Unternehmen mit hohen Reserven

    Na ja, es ist zwar richtig, daß in der neoliberalen Zeit der massiven bevorzugung von Unternehmen diese satte Gewinne zu Lasten der Arbeitnehmer einfahren konnten, doch gespart haben sie diese nicht, sondern das übliche Unternehmensszenario ist die massive Verschuldung, um nicht Überschuldung zu sagen.
    Deshalb sterben derzeit auch so viele Unternehmen oder stehen zumindest am Abgrund.
    Die quartalsmässige Renditegier und gnadenlose Dummeheit deutscher Manager hat dazu geführt. Leider wird daraus nichts gelernt, bei den Arbeitnehmern wäre das Geld besser aufgehoben gewesen.

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