Volkswirte fürchten „Grabenkämpfe“ in der Fed
Europa hat Vertrauen in Greenspan verloren

US-Notenbankpräsident Alan Greenspan dürfte seine Worte nach der heutigen Sitzung des geldpolitischen Ausschusses der Fed sorgsam wählen. „Er wird sich bewusst sein, was er beim letzten Mal angerichtet hat“, sagt Christoph Rieger, Zinsstratege bei Commerzbank Securities. Eine Änderung der Leitzinsen in den USA erwarten Analysten kaum.

FRANKFURT/DÜSSELDORF. Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, etwa winkt ab: „Dafür waren die letzten Konjunkturdaten einfach zu heterogen.“ Und „wenn die Fed nicht noch mehr an Glaubwürdigkeit verlieren will, hat sie im Moment keinen Anlass, die Zinsen zu senken“.

Im Juni hatte Greenspan die Anleihekurse auf eine lange nicht mehr da gewesene Talfahrt geschickt. Auslöser für die Irritation der Märkte waren seine Aussagen, wonach er „unkonventionelle Maßnahmen“ in Abrede gestellt hatte. Gemeint waren damit Rückkäufe von Staatsanleihen durch die US-Notenbank. Genau diese hatten Fed-Mitglieder – wie Gouverneur Ben Bernanke – zuvor als Möglichkeit dargestellt, um die langfristigen Kapitalmarktzinsen niedrig zu halten. Zudem hatte die Fed die Leitzinsen nur um 0,25 Prozentpunkte gesenkt – viele hatten eine Senkung um 0,50 Punkte erwartet. Alessandro Tentori, Rentenstratege der Hypo-Vereinsbank, meint, dass die Fed im Juni einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit verspielt hat, weil sie erneut auf die Deflationsrisiken verwies. „Da die Preisdaten etwas ganz anderes aussagten, haben die Märkte Greenspan diese Geschichte nicht mehr abgekauft.“

Widersprüchliche Aussagen der Fed-Mitglieder ließen den Eindruck aufkommen, sagt Schilbe, es gebe innerhalb der Fed „Grabenkämpfe über die zukünftige politische Ausrichtung“. Nicht nur die Märkte, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik habe Schaden erlitten. Doch sei noch nicht abzuschätzen, wie groß der Vertrauensverlust wirklich ist. Viel hänge nun davon ab, ob sich die Wachstumserwartungen erfüllen. Wenn nicht, könnten die Aktienkurse noch einmal unter Druck geraten, ebenso wie der Dollar.

Auch für Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, ist entscheidend, dass die „Glaubwürdigkeit der Fed in den letzten zwei Monaten an den Märkten gelitten hat“. Kritisch sieht er zudem die Tendenz der Fed, aktiv in den Bondmarkt einzugreifen. Diesbezügliche Äußerungen habe es bereits gegeben. Doch „dieses Mikromanagement ist nicht dazu geeignet, nachhaltiges Vertrauen an den Märkten zu generieren“, sagt Hellmeyer. Und dieser Vertrauensverlust werde sich mittel- bis langfristig auch auf den Dollar auswirken. Nach Ansicht des HSBC-Experten Schilbe liegt es aber ohnehin im Interesse der Fed, dass es zu „einem graduellen Abwertungsdruck auf den Dollar kommt“. Denn das Leistungsbilanzdefizit werde mit einem niedrigeren Dollar etwas in Schach gehalten.

Fraglich bleibt also, ob der US- Notenbankchef trotz der Vertrauensverluste seiner Rolle noch gerecht wird. Als Greenspan bei der Fed-Sitzung im Mai zum ersten Mal darauf hinwies, dass die Risiken sinkender Preise größer seien als die steigender, setzten die Anleihekurse zu einem Höhenflug an. Damals bezeichnete die Commerzbank Greenspan noch als „Cheerleader der Bondmärkte“. Damit ist es endgültig vorbei.

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