Volkswirte: Keine Entwarnung: US-Handelsdefizit auf Rekordniveau

Volkswirte: Keine Entwarnung
US-Handelsdefizit auf Rekordniveau

Das US-Handelsbilanzdefizit ist im Dezember geringer ausgefallen als erwartet. Das Gesamtjahr 2004 haben die USA jedoch mit einem Außenhandelsdefizit in Rekordhöhe abgeschlossen.

HB WASHINGTON. Das Defizit kletterte im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 24 % auf eine Rekordsumme von 617,7 Mrd. Dollar, wie das US-Handelsministerium am Donnerstag mitteilte. Hauptgrund für das hohe Defizit war vor allem der Handel mit China, bei dem sich allein ein Rekorddefizit von 162 Mrd. Dollar ergab nach 124 Mrd. Dollar im Vorjahr. Im Dezember verringerte sich der Fehlbetrag zwar etwas stärker als von Volkswirten erwartet auf 56,4 Mrd. Dollar, markierte damit aber immer noch die zweithöchste Summe in einem Monat seit jeher.

Im Dezember stiegen die Exporte von Waren und Dienstleistungen aus den USA den Angaben nach auf eine Rekordsumme von 100,2 Mrd. Dollar. Auch im Jahresvergleich beliefen sich die Exporte auf eine Rekordsumme von 1,15 Billionen Dollar und wurden mit Importen in Höhe von 1,76 Billionen Dollar übertroffen.

Der Dollar hatte zunächst mit einem leichten Kursplus zum Euro auf die Daten reagiert, gab im Verlauf aber wieder auf Kurse von rund 1,2895 Dollar nach. Im Jahr 1983 hatte sich das US-Defizit aus dem Handel mit Waren und Dienstleistungen auf lediglich 57,8 Mrd. Dollar belaufen. 1998 lag es bei 164,9 Mrd. Dollar.

Der Rückgang des US-Handelsbilanzdefizits im Dezember 2004 hat Bankvolkswirte nur wenig beeindruckt. „Für eine Entwarnung an der Defizitfront besteht noch kein Anlass“, kommentierte Rainer Siegelkow von der WestLB am Donnerstag den Ausweis eines Dezember-Defizits von 56,4 Mrd. Dollar. Im November war ein Minus von 59,33 Mrd. Dollar verzeichnet worden. Siegelkow betonte, dass im November die Ausfuhr ungewöhnlich schwach gewesen sei, gleichzeitig hätten die Importe wegen der hohen Ölpreise einen sehr hohen Wert aufgewiesen.

„Noch handelt es sich bei dem Auf und Ab im November und Dezember um monatliche Schwankungen um einen steigenden Defizitwert“, meinte der WestLB-Ökonom. Patrick Franke von der Commerzbank äußerte ebenfalls die Einschätzung, dass der jetzige Rückgang des Defizits sehr durch die Ölpreisentwicklung bedingt worden sei. „Wir rechnen damit, dass das nominale Defizit angesichts des schwachen Dollar in den kommenden Monaten wieder steigen wird“, sagte Franke und begründete diese Auffassung damit, dass vorerst der Preiseffekt der Dollar-Abwertung den Mengeneffekt dominieren wird.

WestLB-Volkswirt Siegelkow sagte angesichts eines Handelsdefizits von knapp 618 Mrd. Dollar im Jahr 2004, dass die Lücke zwischen Export und Import mittlerweile so groß sei, „dass eine Trendwende immer schwerer wird“. Die US-Exporte müssten nach seinen Berechnungen bis 2009 jährlich um 14 % wachsen, wenn das Defizit der Handelsbilanz auf dem jetzigen Niveau gehalten werden soll und unter der Annahme, dass die Importe wie zwischen 1995 und 2004 um durchschnittlich 8,4 % im Jahr zulegen. Siegelkow warnte auch davor, die Wirkung der Dollar-Abwertung auf die Handelsbilanz zu überschätzen, da die Reaktion der US-Importe auf Wechselkursänderungen „sehr gering“ sei.

Positive Aspekte aus dem Dezember-Defizit ergeben sich den Bankvolkswirten zufolge für die Entwicklung des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal 2004. Nach Einschätzung von Commerzbank-Ökonom Franke könnte es wegen des gesunkenen Dezember-Defizits und angesichts der Korrektur der Novenber-Zahlen zu einer Aufwärtsrevision der BIP-Wachstums um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte kommen. Ursprünglich hatte das US-Handelsministerium für das vierte Quartal ein Wachstum von 3,1 % ausgewiesen.

Noch zuversichtlicher zeigte sich Kevin Logan, Volkswirt bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Er erwartet, dass die besseren Handelszahlen für sich betrachtet zu einer Aufwärtsrevision beim BIP um 0,4 Prozentpunkten führen werden. Da sich zudem die Bauausgaben besser als ursprünglich geschätzt entwickelt hätten, werde es aber eine Aufwärtsrevision auf 3,6 % BIP-Wachstum geben, meinte Logan.

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