Vor Ratssitzung
EZB sieht Risiken für die Konjunktur

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird den Euro-Leitzins bei seiner Sitzung am heutigen Donnerstag aller Wahrscheinlichkeit nach unverändert lassen. Darauf deutet ein vertraulicher Bericht der EZB für ein beratendes Gremium des EU-Finanzministerrates hin, der dem Handelsblatt vorliegt. Allerdings sehen die Banken eine „Zinserhöhung auf kaltem Wege“.

FRANKFURT/LONDON. Der Bericht befasst sich mit den aktuellen Risiken an den Finanzmärkten. Der Wirtschafts- und Finanzausschuss des Rates der Europäischen Union berät die EU-Finanzminister bei ihren Entscheidungen.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte Anfang August wegen anhaltender Inflationsrisiken eine Erhöhung des Leitzinses von derzeit vier Prozent angedeutet, Mitte des Monats aber deutlich gemacht, dass der EZB-Rat die Entscheidung wegen der Unruhen an den Finanzmärkten überdenken werde. Seither ist unklar, ob der Rat die Zinsen anheben wird oder nicht.

Die Bedenken, die die EZB in dem Bericht äußert, deuten auf eine abwartende Haltung des Rats hin. Grundsätzlich schätzt die EZB zwar das Finanzsystem des Euro-Raums als „stark und widerstandsfähig“ ein. Es sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber „nicht auszuschließen, dass die Finanzierungsbedingungen und selbst die Realwirtschaft im Euro-Raum beeinträchtigt werden, wenn sich die Schwierigkeiten in der kurzfristigen Kreditgewährung hinziehen und die längerfristige Finanzierung in Mitleidenschaft gezogen wird“. Die Unsicherheit darüber, wie sich die Liquiditätsprobleme entwickeln würden, kompliziere die Einschätzung der mittelfristigen Perspektiven für die Finanzstabilität. Unvorhergesehene Störungen an den globalen Kreditmärkten seien nicht auszuschließen.

Heute entscheiden sowohl die Bank von England als auch die EZB über die Leitzinsen. Die Entscheidung des EZB-Rats wird um 13.45 Uhr bekannt gegeben. In London werden Rufe nach einer Senkung des Leitzinses laut, der derzeit bei 5,75 Prozent liegt. In Kontinentaleuropa geben sich die Bankvolkswirte schon zufrieden, wenn die EZB, wie inzwischen weithin erwartet, auf die Ausführung ihrer früheren Zinserhöhungspläne verzichtet und den Leitzins bei vier Prozent belässt.

Unter den Banken machte sich indes Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der EZB breit. Nachdem diese zu Beginn der Krise den Banken sehr großzügig Liquidität bereitgestellt hatte, ließ sie in den letzten Tagen zu, dass die Geldmarktsätze immer stärker in die Höhe schossen. „Das ist eine Zinserhöhung auf kaltem Wege“, beklagte sich der Leiter des Geldhandels einer Sparkasse, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Gestern Nachmittag schließlich reagierte die Notenbank auf die Zuspitzung der Lage im Geldmarkt und erklärte, sie beobachte die Verspannungen genau: „Sollte dies morgen andauern, dann ist die EZB bereit, zu geordneten Bedingungen im Euro-Geldmarkt beizutragen“, hieß es in einer Erklärung der EZB. Damit machte sie den Geldhändlern Hoffung auf eine außerplanmäßige Liquiditätszufuhr.

Der Zinssatz für Tagesgeld stieg gestern auf über 4,6 Prozent. Auch Dreimonatsgeld wurde noch teurer und kostete 4,75 Prozent. Die Bedingungen am Geldmarkt sind derzeit so, als ob der Leitzins der EZB bei 4,5 Prozent läge. Tatsächlich beträgt er vier Prozent.

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