Vorbild Deutschland
Ein Amerikaner entdeckt das deutsche Industriewunder

Um zu verstehen, was Amerika von Deutschland lernen kann, ist ein US-Autor quer durch unser Land gereist - zu Konzernchefs und Familienunternehmern, zu Azubis im Schwarzwald und ins Kanzleramt. Eine Spurensuche
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Es ist Nacht über dem Atlantik. Ein Flug von Washington bringt mich in das Land, das ich wiederentdecken will. Voller Vorfreude lese ich alle deutschen Zeitungen, die bei der Lufthansa im Angebot sind.

Ich werde Deutschland wieder besuchen, das erste Mal nach acht Jahren. Einige Orte meiner Reise habe ich sogar über fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Dabei ist das Land eine zweite Heimat für mich. Die Wirtschaft, die Politik, die Energiewende, das Einwanderungsproblem - wie die Deutschen damit umgehen, all das fasziniert mich. Der Wirtschaftsboom in Deutschland scheint stabil. Die Arbeitslosenquote bewegt sich unterhalb von sieben Prozent. Deutschland ist dabei, wieder eine Vorbildfunktion in der Welt einzunehmen.

Aber natürlich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Der Euro ist in Not. Die Schuldenkrise macht dem Kontinent zu schaffen. Und jeder erwartet, dass Deutschland das Problem löst. In der Welt wird hitzig über den Entschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel debattiert, sich an der Bankenrettung im Süden Europas zu beteiligen.

Doch bei aller Kritik schwingt unüberhörbar Bewunderung mit. Bewunderung für ein Land, das nach dem Krieg erst verachtet, dann belächelt und oft im Spiel der großen Mächte ignoriert wurde. "Wir müssen Deutschland zum Vorbild nehmen", sagt jetzt Wall-Street-Investor Steven Rattner, der 2009 an der Spitze der 82 Milliarden US-Dollar schweren Rettungsaktion für die US-Automobilindustrie stand. Selbst Jeffrey Immelt, Chairman des uramerikanischen Konzerns General Electric, bekennt: "Wir müssen mehr wie Deutschland werden." Und niemand Geringeres als Präsident Barack Obama fragte bei der Planung seiner Wirtschaftspolitik einen Berater: "Wie schafft Deutschland es, trotz des hohen Lohnniveaus in der Industrie so erfolgreich zu sein?"

In seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation lobte Obama das in Deutschland entwickelte duale Bildungssystem. Er stellte eine junge Dame vor, die neben seiner Ehefrau Michelle Obama saß. Sie hatte erfolgreich ein Schulungsprogramm absolviert, das von einem kommunalen College in North Carolina organisiert worden war. Der wichtigste Sponsor und Förderer dieser Trainingsmaßnahme war Siemens, denn das Unternehmen braucht gut ausgebildete Arbeiter für sein Gasturbinen-Werk in Charlotte, North Carolina. Das Schulungsprogramm, das Obama erwähnte und als vorbildlich darstellte, war eine Kopie des deutschen dualen Ausbildungssystems. Amerika schaut wieder auf Deutschland, mit Bewunderung in den Augen.

Kommentare zu " Vorbild Deutschland: Ein Amerikaner entdeckt das deutsche Industriewunder"

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  • .... Ingenieure und Naturwissenschaftler haben zwar eine höhere Reputation als Banker und Juristen, aber dafür können sie sich nichts kaufen, denn sie werden viel schlechter bezahlt. Sie haben keine Lobby.

  • Dear Peter, ein ausgezeichneter Artikel.
    Ein paar der Hauptursachen für den Erfolg bestehen seit Jahrhunderten, ein paar hatten "relativ kurzfristig" mit der Bewältigung der Herausforderungen durch neue low-cost Wettbewerber in Asien (Globalisierung) und Ost-Europa (EU-Erweiterung) sowie durch die furchtbaren Kosten für den Wiederaufbau Ostdeutschlands zu tun.
    Erlauben Sie mir, als Ingenieur den "Hauptursachen für den Erfolg" ein paar hinzuzufügen, die fast 200 Jahre alt und quasi ungeschriebene Gesetze und Teil des Systems sind:
    Vor 200 Jahren war Great Britain das führende high-tech und manufacturing Land in der Welt.
    Von UK haben deutsche Kleinstaaten den Enthusiasmus für Ingenieurwesen und Naturwissenschaften übernommen, die wealth creators. Das hatte dauerhafte Auswirkungen. (Leider haben UK und die USA sich in der jüngeren Vergangenheit auf Finanz- und Legal-Dienstleistungen fokussiert, die wealth distributors.)
    - Staatliche Förderung von R&D in high growth industries and technologies
    - Hohe Qualität der kostenlosen öffentlichen Schulen und der großen Zahl an Ingenieurschulen und Technischen Universitäten auf Weltklasse-Niveau. Viele Absolventen gründeten mittelständische Unternehmen, die heute weltweite Marktführer sind (hidden champions).
    - Staatliche Förderung des Exports. Stolz auf den Export-Erfolg ist Teil der nationalen DNA.
    - Ingenieure und Naturwissenschaftler haben eine höhere Reputation als Banker oder Juristen.
    - Eine sehr gute öffentliche Infrastruktur und öffentliche Verwaltung.
    - Die Neugier und Bereitschaft der Deutschen, fremde Sprachen zu sprechen und ins Ausland zu gehen, die Welt zu erforschen und Jeden glücklich zu machen, der "Made in Germany" kaufen will.
    Diese Faktoren machen zwar die phantastischen Vorteile der economies of scale im gigantischen homogenen Wirtschaftsraum USA nicht ganz wett, aber doch zum Teil.

  • Paulchen schreibt:

    =>

    Wer kann mir folgenden Zusammenhang erklären:

    Im Artikel wird Deutschland als ein wirtschaftlich besonders erfolgreiches Modell dem US-Präsidenten empfohlen.

    ABER:

    Der Autor behauptet das das Inlandsprodukt der USA fünfmal so hoch ist wie das von Deutschland.

    Deutschland 80 Mio. Einwohner
    USA ca. 310 Mio. Einwohner

    Pro Kopf wäre Deutschland aber schlechter???!!

    --------------------------------

    Antwort:

    Das Inlandsprodukt sagt nicht das aus, was Sie meinen - es ist für sich allein kein Maßstab.

    Wenn die USA z.B. ein Mars-Programm mit Schuldenaufnahme finanzieren, so wächst das BIP, wenn alles in den USA erzeugt wird, unmittelbar um die Kosten dieses Mars-Programmes, mittelbar ergeben sich dann noch weitere Effekte, weil die NASA-Mitarbeiter ihr Gehalt z.T. in den Konsum fließen lassen, so z.B. für eine höhere Produktionszahl von Hamburghern und Coca-Cola sorgen und so weiter.

    Geben Sie mir endlos Kredit, und ich schaffe Ihnen in jedem Lande das BIP, das Sie haben wollen!

    Nach dem Prinzip wird das hohe BIP der USA demnach zu erklären sein...

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

    http://die-volkszeitung.de

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