Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL) - Porträtserie "Jugend forscht"
Roland Strausz: Der iPod-Ökonom

Der junge Top-Forscher Roland Strausz analysiert auch Alltagsfragen theoretisch. Der Niederländer, der seit über zehn Jahren an der Freien Universittät Berlin tätig ist, gehört zu den drei forschungsaktivsten Volkswirten in Deutschland unter 40 Jahren. Ein Handelsblatt-Porträt.

Eigentlich waren es bestenfalls mittelmäßig interessante Nachrichten, die Roland Strausz da im Juli 2004 im Radio hörte: Streit um Gesundheitspolitik und Steuerreform, Bombenanschläge in Bagdad – das übliche eben. Eine Meldung aber lässt den Ökonomen von der Freien Universität Berlin aufhorchen: Lockangebote von Discountern sind künftig gesetzlich verboten. Wenn Aldi, Lidl und Co. Laptops, Plasma-Fernseher oder Bahntickets anbieten, müssen sie dafür sorgen, dass genug davon am Lager ist. „Das Thema“, dachte er sich, „müsste man wissenschaftlich untersuchen.“ Gesagt, getan – demnächst erscheint ein Aufsatz von Strausz dazu in einem Ökonomie-Journal.

Dieses Beispiel zeigt schlaglichtartig, wie der 36 Jahre alte Mikroökonom arbeitet: Strausz sieht sich in der Realität nach ökonomischen Problemen um, die er mit seinem theoretischen Werkzeugkasten untersucht. „Er ist ein sehr guter Theoretiker, der sich oft Anregungen aus der Praxis holt und sich dann überlegt, was die Theorie dazu sagen kann“, sagt sein Doktorvater Helmut Bester von der FU Berlin. 1995 nahm er Strausz seinem Wechsel von der Uni Tilburg mit nach Berlin. Heute ist der Niederländer, der derzeit als Heisenberg-Stipendiat an der FU arbeitet, einer der drei forschungsstärksten Volkswirte in Deutschland unter 40 Jahren, zeigt das Handelsblatt-Ökonomenranking. Eine Rückkehr in die Niederlande steht für Strausz nicht zur Debatte, denn in Berlin hat er die Frau seines Lebens gefunden.

Dem neuen Discounter-Gesetz näherte er sich Forscher: „Ich habe ein kleines Modell gebaut, mit dem man die Aspekte des Problems analysieren kann.“ Sein Fazit ist differenziert: Die Regulierung kann positive Effekte haben, weil sie zu einem steigenden Angebot führt. Aber sie sollte nicht zu strikt ausfallen, sonst treibt sie die Preise in die Höhe – denn für die Supermärkte steigt das Risiko, teuren Restposten sitzen zu bleiben. Die höheren Kosten geben sie dann an die Kundschaft weiter.

Auch den populären MP3-Spieler I-Pod von Apple hat Strausz wissenschaftlich untersucht. Dabei interessierte ihn, warum Apple den I-Pod so konstruiert hat, dass der Kunde das wichtige Verschleißteil – den Akku – nicht selbst austauschen kann. Möglicherweise, so Strausz, schränke Apple bewusst die Lebensdauer des I-Pods ein, um sich so in der Zukunft einen neuen Markt zu schaffen. Angesetzt werde dabei an einem Qualitätsmerkmal, das für den Kunde beim Kauf nicht wichtig erscheint.

Dafür, dass größere Unternehmen an interner Bürokratie ersticken, hat Strausz ebenfalls eine Erklärung. In einem Modell zeigt er: Es gibt Mechanismen, die dazu führen, dass Vorgesetzte ihre Untergebenen so stark kontrollieren, dass es für das Gesamt-Unternehmen negativ ist.

„Ich mag es, bei meiner Forschung mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen“, sagt Strausz. Wissenschaftlich betrachtet seien die um Alltagsfragen kreisenden Forschungspapiere allerdings eher Fingerübungen. „Meine prominent veröffentlichten Papiere drehen sich um ausschließlich theoretische Fragestellungen“, betont der Ökonom. „Dabei versuche ich, neue Werkzeuge zu entwickeln, mit denen man theoretische Fragestellungen besser analysieren kann.“ So hat er gemeinsam mit Bester ein aufwändiges formales Modell entwickelt, mit dem man zugleich die Effekte unvollständige Verträgen und asymmetrischer Informationen untersuchen kann. Mehr als drei Jahre tüftelten sie daran. Am Ende wurde die Mühe belohnt, das Ergebnis erschien in „Econometrica“, einer der besten Ökonomie-Journale der Welt.

Beim Feilen an seinen Modellen packt Strausz ein fast sportlicher Ehrgeiz: „Wenn man ein Problem hat, das sich nicht ohne weiteres lösen lässt, möchte man es einfach knacken“, erzählt er. „Zwischendurch denkt man: Jetzt hat man das Problem in den Griff bekommen – um dann festzustellen, dass es einem doch wieder entwischt ist.“ Am Ende aber behält Strausz meist doch die Oberhand.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%