Wachstum
Euro-Zone kommt nicht vom Fleck

Der Zuwachs fiel geringer aus als erwartet: Mit einem Wachstum um 0,4 Prozent hat sich das Währungsgebiet im dritten Quartal aus der Rezension befreit. Auch wenn sich der Schwung nach Ansicht von Experten ins Schlussquartal tragen dürfte – für einen nachhaltigen Boom fehlen die Impulse.
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PARIS/MADRID/FRANKFURT/MAILAND. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So kommentierte Euroland-Volkswirt Andreas Scheuerle die Nachricht, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsgebiet im dritten Quartal laut einer Schnellschätzung um 0,4 Prozent zugelegt hat. Der Zuwachs fiel damit geringer aus als allgemein erwartet – weshalb Experten wie Scheuerle von der Deka-Bank mit einem ordentlichen Anstieg im laufenden Quartal rechnen: „Das für das dritte Quartal erwartete zusätzliche BIP-Wachstum wurde wohl nur zum Jahresende hin verschoben.“

Diverse Indikatoren hatten einen höheren Zuwachs versprochen. So waren die Industrieaufträge in der größten Volkswirtschaft des Euro-Raums, in Deutschland, im dritten Quartal um 8,9 Prozent im Vorquartalsvergleich gestiegen – das ist gesamtdeutscher Rekord. „Die positiven Auswirkungen auf die Produktion werden wir im vierten Quartal sehen“, vermutet Scheuerle.

Aber auch wenn der Schwung ins Schlussquartal tragen dürfte – die Erholung wird kaum nachhaltig sein, vermuten Volkswirte wie die von Unicredit: „Wenn erst einmal die staatlichen Stimulierungsprogramme ausgelaufen und die Läger wieder aufgestockt sind, fehlen für einen selbsttragenden Aufschwung die Impulse von der privaten Endnachfrage.“ Der Konsum werde angesichts der Arbeitsplatzmisere im Währungsgebiet erst im zweiten Halbjahr 2010 wieder wachsen.

Euphorisch sind Ökonomen selbst für Deutschland als derzeit wachstumsstärkstes Land des Währungsgebietes keineswegs: Bestenfalls sei mit einer „fragilen Aufwärtsdynamik“ zu rechnen, schreibt der Sachverständigenrat in seinem Gutachten. Die deutsche Wirtschaft dürfte 2010 um 1,6 Prozent, die Euro-Wirtschaft um 0,7 Prozent wachsen. Dass in Euroland nur mit einer verhaltenen Wirtschaftsentwicklung zu rechnen ist, liege an diversen Faktoren: der erwarteten verschlechterten Lage am Arbeitsmarkt, der Belastung durch noch bevorstehende Aufräumarbeiten in den Bilanzen vieler Finanzinstitute und den dämpfenden Effekten, die von den Immobilienmärkten in vielen Ländern weiterhin ausgingen.

Erholung der Immobilienmärkte braucht Zeit, zeigt Spanien

Prominentestes Beispiel dafür ist Spanien – das sich als einziges der großen Euroländer noch in der Rezession befindet. Dass die Iberer das Schlusslicht in Westeuropa bilden, erklären Volkswirte vor allem mit dem starken Einbruch auf dem Immobilienmarkt. „Dem spanischen Markt steht daher noch eine lange Anpassungsperiode bevor“, schreiben Volkswirte von Standard & Poor’s. Durch das Überangebot ist der Wohnungsbau – in den Boomjahren eine tragende Säule der Wirtschaft – praktisch absolut zum Erliegen gekommen. Entsprechend leidet das Land unter einer hohen Arbeitslosigkeit von rund 18 Prozent, was wiederum den Binnenkonsum schwächt.

Auch in Frankreich schwächelte zuletzt die Binnennachfrage – die traditionell tragende Säule der dortigen Wirtschaft. Vor allem die Konsumlust der Verbraucher hat stark nachgelassen. Ökonomen erwarten hier keine schnelle Besserung: Da die Industrie noch Überkapazitäten vor sich her schiebe, seien durch Investitionen keine Impulse zu erwarten. „Und die Arbeitslosigkeit wird eine Konsumbremse bleiben“, meint Nicolas Bouzou, Chefökonom des Beratungsunternehmens Asterès. Die Ökonomen der Großbank BNP Paribas sehen das ähnlich: „Das Fehlen einer Perspektive eines Anziehens der Binnennachfrage lähmt die Wirtschaft und wird auch in den kommenden Quartalen die Möglichkeiten einer Wachstumsbeschleunigung begrenzen.“

Auch Italien hievt sich im dritten Quartal aus der Rezession

Für eine Wachstumsbeschleunigung im laufenden vierten Quartal spricht jedoch, dass die Abwrackprämie in Frankreich zum Jahresbeginn 2010 voraussichtlich gesenkt wird und noch in diesem Jahr mit vorgezogenen Autokäufen zu rechnen ist, vermuten die Deka-Experten. Im dritten Quartal hatte das BIP in Frankreich nur um 0,3 Prozent zugelegt. Das war weit weniger als beim großen Nachbarn Deutschland mit 0,7 Prozent.

Anders als in Deutschland und Frankreich legte das BIP in Italien mit 0,6 Prozent das erste Mal nach fünf rückläufigen Quartalen zu. „Die Daten aus Italien können mit begründetem Optimismus betrachtet werden“, kommentierte Fabio Pammolli, Direktor des Forschungsinstituts Cerm, die Entwicklung im dritten Quartal. Das Szenario bleibe aber unsicher, mahnte er und wies vor allem auf die jüngsten Daten zur Industrieproduktion hin. Die ist im September überraschend um fünf Prozent gesunken, während die Euro-Zone ein leichtes Plus registriert hatte.

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