Wachstum: Wohin steuert die deutsche Wirtschaft?

Wachstum
Wohin steuert die deutsche Wirtschaft?

Noch vor kurzem hätte kaum ein Ökonom auf eine rasche Erholung gewettet. Doch nun ist das Vorkrisenniveau schon wieder in Sicht. Vor allem der gute Arbeitsmarkt hat für die deutsche Konjunktur eine Schlüsselfunktion.
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DÜSSELDORF. Wie lange hält der Aufschwung? Während das Kieler Institut für Weltwirtschaft 2010 als Jahr drei der Krise bezeichnet und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) „die Lage bei weitem nicht so günstig“ wie vermutet nennt, haben die Volkswirte aus Halle den Schalter umgelegt: „Deutsche Wirtschaft lässt die Krise hinter sich“ überschreibt das Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) seine neue Konjunkturprognose. Bereits Ende 2011 werde die Wirtschaftsleistung wieder Vorkrisenniveau erreicht haben. Dieses Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3,5 Prozent und 2011 um zwei Prozent wachsen, prognostiziert das Institut. Im laufenden dritten Quartal lege die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent zu und in den folgenden fünf Quartalen immerhin noch mit Raten von 0,3 bzw. 0,4 Prozent.

Und das Ende der Krise wird auch die Bevölkerung deutlich spüren, sagen die Hallenser voraus: Die Beschäftigung dürfte weiter „kräftig steigen“ und die Arbeitslosenquote 2011 auf 6,6 Prozent sinken. Im Jahresschnitt werden dann nur noch 2,87 Millionen einen Job suchen – so wenige wie noch nie im vereinigten Deutschland.

Der gute Arbeitsmarkt und die starke Binnenkonjunktur bringen die Steuereinnahmen zum Sprudeln, und die Löcher in den öffentlichen Etats schrumpfen. Inklusive der neuen Steuern auf Brennelemente und Flugtickets dürfte der Staat 2011 rund 30 Mrd. Euro mehr Steuern einnehmen, als die Steuerschätzung im Mai ermittelt hatte, sagte IWH-Steuerschätzerin Kristina van Deuverden. Setze die Regierung ihr Sparpaket um, sinke die gesamtstaatliche Defizitquote 2011 auf 2,5 Prozent. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) würde dann seine Zusage an die EU-Kommission, die Quote wieder unter drei Prozent zu drücken, zwei Jahre eher als versprochen einhalten.

Jobwunder auf dem Arbeitsmarkt

Der stabile Arbeitsmarkt hat für die Staatsfinanzen eine Schlüsselfunktion. Einerseits sinken die Ausgaben der Arbeitsagentur und die Kosten von Bund und Kommunen für Langzeitarbeitslose. Andererseits lassen weniger Arbeitslose die gesamtwirtschaftliche Bruttolohn- und Gehaltssumme steigen. Sie bestimmt die Beitragseinnahmen der Sozialkassen. Zudem ist sie für das Lohnsteueraufkommen wichtig, und weil der Steuertarif progressiv ist, steigen die Steuereinnahmen deutlich stärker als die Lohnsumme. Höhere Löhne wiederum lassen mehr Konsum und ein größeres Umsatzsteueraufkommen erwarten.

Der optimistische Ausblick des IWH mag auch auf die neue Zusammensetzung des Prognose-Teams zurückzuführen sein. Denn erstmals kooperierte das IWH mit Kiel Economics, das bislang an den Prognosen des Instituts für Weltwirtschaft mitgearbeitet hatte. Carsten-Patrick Meier, Chef von Kiel Economics, hatte sich in den vergangenen Monaten mehrfach optimistischer als andere Volkswirte über die deutsche Konjunktur geäußert. Komplettiert wird das IWH-Team durch den Bremer Wirtschaftsstatistiker Andreas Cors.

Selbst mittelfristig ist das Hallenser Ökonomen-Konsortium bullish: Die Konjunktur dürfte auch nach 2011 „recht robust verlaufen“. Im Schnitt werde das BIP um 1,75 Prozent pro Jahr zulegen. 2014 dürften dann nur noch 2,4 Millionen Menschen arbeitslos sein.

Auch das RWI erhöhte gestern seine Konjunkturprognose: Wegen des starken zweiten Quartals rechnen die Essener Ökonomen jetzt mit einem Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent. Im März hatte das Institut nur mit 1,4 Prozent und im Juni mit 1,9 Prozent plus gerechnet. Für 2011 erwartet das RWI nun 2,2 Prozent Wachstum. Anders als die Hallenser Kollegen betonte das RWI aber die Risiken: Die Weltwirtschaft habe die Krise noch nicht überwunden. „Die Finanzmärkte sind weiterhin sehr volatil, die Erholung hat sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern wieder nachgelassen.“ Dennoch geht auch das RWI von einer günstigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und einem Rückgang der Defizite aus.

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