Wachstumszahlen
Deutsche Wirtschaft stagniert überraschend

Die deutsche Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal deutlich schlechter entwickelt als von Ökonomen erwartet. Auch die Wachstumszahlen für das erste Quartal wurden nach unten korrigiert.
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BerlinDer deutsche Aufschwung ist im zweiten Quartal fast zum Erliegen gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs von April bis Juni nur noch um 0,1 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mit. „Das ist das langsamste Wachstum seit Jahresbeginn 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte“, sagte ein Statistiker.

Die 45 von Reuters befragten Analysten hatten im Schnitt mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet, wobei ihre Prognosen von 0,2 bis 0,8 Prozent reichten. Das Wachstum für das erste Quartal korrigierten die Statistiker gleichzeitig von 1,5 auf 1,3 Prozent nach unten. „Die privaten Konsumausgaben und die Bauinvestitionen bremsten die deutsche Wirtschaft im zweiten Vierteljahr 2011“, hieß es. Weil die Importe schneller stiegen als die Exporte, kamen auch vom Außenhandel negative Impulse. Dagegen zogen Investitionen der Unternehmen an und hielten die Wirtschaft damit auf Wachstumskurs. Details wollen die Statistiker am 1. September nennen.

Ökonomen zeigten sich enttäuscht von den Zahlen. Dabei überraschte sie vor allem die Schwäche des Konsums in Deutschland. "Das ist eine herbe Enttäuschung", sagte Jörg Lüschow, von der WestLB. "Es hat mich überrascht, dass der private Konsum zurückgegangen ist. Insgesamt kann sich auch Deutschland den globalen Abschwächungstendenzen nicht entziehen."

Ähnlich äußerte sich auch Andreas Scheuerle von der Dekabank. „Die Exporte legten erneut zu. Wesentliche Impulse kamen wohl von außerhalb Europas. Der Konsum dürfte gesunken sein. Das passt zwar zu den Einzelhandelsumsätzen, nicht aber zu den Rahmenbedingungen: Arbeitsmarkt im Plus, höhere Lohnabschlüsse. Einziger Belastungsfaktor waren Inflation und gefühlte Inflation.“

Der Konjunktur-Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, wertete die schlechten Zahlen nicht als grundsätzliche konjunkturelle Trendwende. "Das ist zwar ein deutlicher Dämpfer, bedeutet aber kein Ende des Aufschwungs", sagte er. "Der Trend weist in der Industrie weiterhin aufwärts, wenngleich sich ein Tempoverlust abzeichnet." Für das Gesamtjahr 2011 dürfte das Wachstum nach Einschätzung des DIW Berlin bei rund drei Prozent liegen und damit nur wenig unter dem Rekordwachstum des vergangenen Jahres.

Auch in anderen führenden Industriestaaten hatte sich das Wachstum im Frühjahr merklich abgekühlt. Die weltgrößte Volkswirtschaft USA schaffte ein Plus von rund 0,3 Prozent, während die japanische Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent schrumpfte. In Frankreich - dem wichtigsten deutschen Handelspartner - stagnierte die Wirtschaft.

Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das Bruttoinlandsprodukt um kräftige 2,8 Prozent zu. Zu Jahresbeginn waren es allerdings noch 5,0 Prozent. Die meisten Institute hielten in diesem Jahr bislang ein Wachstum von mehr als drei Prozent für möglich. Das arbeitgebernahe Forschungsinstitut IW bekräftigte erst zu Wochenbeginn seine Prognose von 3,5 Prozent und geht für 2012 von 2,25 Prozent aus.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Völlig richtig! Jegliches Komentatieren hier ist dumm und überflüssig.

  • Man kann nur dem Handelsblatt empfehlen:
    Einstellung der Kommentiermöglichkeit, weil die Komentatatoren wirklich nur Schrott produzieren und ihre Dummheit zur Schau stellen.

  • @ DaDamm

    Ja, Sie sollten sich Sorgen machen.
    Große Sorgen!

    Seit langer Zeit mahnen in und ausländische Schlaumeier, daß D etwas tun muß um den Binnenmarkt anzukurbeln.
    Diese Schlaumeier haben diesmal sogar recht!
    Daß eine exportorientierte Wirtschaft anfällig ist brauch ich wohl nicht näher zu erklären.

    So, Nun zur Lösung:
    Seit über 10 Jahren nimmt unsere Regierung den unteren und mittleren Einkommensschichten Jahr für Jahr einen erhöhten Teil der Gehaltserhöhung durch die stark ansteigende Besteuerungskurve einfach weg. Sowas nennt sich kalte Progression oder auch Mittelstandsbauch.
    Somit hat sich in den letzten 10 Jahren eine Verlagerung von unten nach oben von über 22% Kaufkraftverlust ergeben.
    Schlicht gesagt: Geld was den unteren und mittleren Schichten zum Ausgeben fehlt.
    Diese dumme Gier unserer deutschen Politiker egal ob Rot, Gelb, Grün oder Schwarz wollen wir uns noch genau ansehen.

    Ein Reicher wird eine Steuervergünstigung auf den großen Haufen legen: Nun vermehrt euch mal schön, da er zum Hauptgang nur einen Hummer essen kann und einen zweiten nicht schafft.

    Der Arme, der 22% Kaufkraftverlust verdaut hat, würde das Stück Steuergerechtigkeit zum kleinen Teil als mittelfristige Rücklage beiseite legen, falls mal was kaput geht. Also mittelfristig ausgeben. Den größten Teil wird der kleine Mann kurzfristig ausgeben, um seinen heruntergekommenen Lebensstandard zu verbessern.

    Wenn Politiker bei der Beseitigung der kalten Progression, also die höhere Besteuerung des kleinen Mannes, von Kreditaufnahme sprechen ist das eine bodenlose Unverschämtheit und Verlogenheit.

    Schönen Tag noch.

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