Weihnachtsblues in USA
Amerika übt die neue Bescheidenheit

Die USA betrachten sich selbst im Spiegel – und schämen sich. Die Zeiten des Konsumrauschs sollen vorbei sein. Banken streichen Partys, die Menschen spenden viel, das Volk und der Handel machen in Besinnung und Besinnlichkeit. Wer es nicht alleine schafft umzudenken, für den gibt es Hilfe. Das Angebot wächst täglich. Wie Amerika den Konsumverzicht trainiert.

NEW YORK. „Jimbo“ hatte die Figur eines Abwehrspielers im American Football. Einssechsundneunzig groß, 270 Pfund schwer, ein Baum von Mann.

Genau der Richtige, wie die Manager der Wal-Mart-Filiale in Valley Stream, einem Ort auf Long Island nahe Manhattan, finden. Sie beordern Jdimytai Damour, genannt „Jimbo“, kurz vor Ladenöffnung an die Eingangstür. Der 34-jährige Hilfsarbeiter, geboren in Haiti, aufgewachsen im New Yorker Stadtteil Queens, soll die Massen kontrollieren, die Wal-Mart an diesem Tag erwartet. Es ist „Black Friday“ in Amerika, der traditionelle Shopping-Brückentag nach Thanksgiving, es gibt Schnäppchen. Film-DVDs für 1 Dollar 88, Compac Presario PCs für 398 Dollar, 42-Zoll-Plasma-Fernseher knapp unter 1000 Dollar, natürlich mit HDTV.

Es ist noch nicht einmal fünf Uhr am Morgen, als es passiert. Mehr als 2000 Menschen drücken und drängeln, sie wollen die Ersten sein. Damour, der Blocker, steht den Doorbusters im Weg. Doch die Meute lässt sich nicht aufhalten, einige heben Türen aus den Angeln. Irgendwo im Menschengewirr fällt Damour. „Sie trampelten auf ihm herum und haben ihn vor meinen Augen getötet.“ Ein Kollege kann es noch immer nicht fassen, dass Damour sterben musste; so sterben musste. Der Shoppingwahn hat ein Menschenleben ausgelöscht. Es ist der womöglich letzte irre Akt einer Ära des Konsumwahns, die Amerika nun so schnell wie möglich hinter sich lassen will.

„Wir möchten an unser aggressives Kaufverhalten nicht mehr erinnert werden“, sagt Candace Corlett von der New Yorker Beratungsfirma WSL Strategic Retail. Ihre Stimme hat Gewicht. Auf ihrer Kundenliste steht das „Who's Who“ des Handels: Konsumgüterriesen wie Procter&Gamble und Unilever, L'Oreal, Nestlé oder der Online-Händler Ebay. In einem gerade veröffentlichten Report, Titel: „How America Shops in Crisis“, warnt Corlett Handelsfirmen davor, allzu viel Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr der Gesellschaft zu alten Gewohnheiten zu machen. „Dies ist eine demokratische Rezession. Auch die Wohlhabenden haben sich dem kulturellen Wandel angeschlossen.“ Prestigekäufe, über viele Jahre hinweg das Schmiermittel der US-Konjunktur, hätten sich erledigt.

Das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr gibt ihr schon einmal recht, die Umsätze schrumpfen bedenklich. Und das, obwohl sich die Händler bereits seit Monaten ruinöse Rabattschlachten liefern und die Preise so rasant fallen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die Vereinigten Staaten wollen bescheiden werden. Die Krise lässt ihnen keine andere Wahl. Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit Jahrzehnten. Ein Millionenheer von Menschen hat kein Geld mehr, dafür hohe Schulden. Allein 15 größere Handelsketten sind im dritten Quartal pleitegegangen, darunter Circuit City, der zweitgrößte Konsumelektronikhändler Amerikas. Experten sind sicher, dass das nur die erste Welle war. Wenn das Jahr vorbei ist, so schätzt das International Council of Shopping Centers, wird die Branche 148000 Läden geschlossen und 625000 Menschen entlassen haben.

Die Lage befördert Einsichten. „Viel zu lange“, sagt Kristina Taylor, ein Glas Weißwein in der Hand, „ging es immer nur ums Kaufen.“ Es ist Weihnachtsfeier eines Buchverlags in New York, Kerzen leuchten, das Licht ist gedämpft, und Taylor, eine blonde hochgewachsene Frau um die 30, steht vor einem üppigen Büfett. Um sie herum haben sich kleine Grüppchen von Kollegen gefunden, die Stimmung ist herzlich. Taylor arbeitet in dem Verlag als Sachbearbeiterin, doch eigentlich ist sie Malerin. Ihr Bruder arbeitet als Investmentbanker, er ist von der Entlassungswelle verschont geblieben, trotzdem hatten sie in letzter Zeit sehr viel zu besprechen. Taylor sagt, sie stelle fest, dass die Menschen Wert auf andere Dinge legen. „Schön, dass es jetzt wieder um wirklich wichtige Dinge geht – und nicht ums nächste iPhone.“

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