Weltweite Rezession
Russlands Industrie geht in die Knie

Der weltweite Konjunktor-Schock hat die russische Industrie eiskalt erwischt. Vor allem die sinkende Nachfrage nach Vorprodukten macht sich bemerkbar. Die Regierung gibt sich gelassen, doch die Krisensympthome sind kaum noch zu übersehen.

DÜSSELDORF. Der dramatische Nachfrageeinbruch für Vorprodukte wie Stahl, Rohre und Dünger auf dem Weltmarkt hat Russlands Industrieproduktion im November zu Fall gebracht: Mit minus 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat schrumpfte sie fünfmal so schnell wie erwartet und so stark wie seit der Finanzkrise 1998 nicht mehr. Wegen des Preisverfalls für Öl und Gas, den wichtigsten Exportgütern, steht auch der Rubel unter Druck. Obwohl die Zentralbank die Währung gestern weiter abwertete, fließt Kapital ab.

Bislang gesteht die Regierung die Dramatik der Lage nicht ein, aber Experten zeichnen ein düsteres Bild. Die Tatsache, dass viele Unternehmen und selbst lokale Behörden keine Löhne mehr auszahlen, weckt böse Erinnerungen. Die Angst vor einer Flucht aus dem Rubel und vor Unruhen in strukturell besonders schwachen Regionen steigt. Fast trotzig versichert Finanzminister Alexej Kudrin, die Wirtschaft werde 2009 um drei Prozent wachsen. Zum ersten Mal räumte er aber ein, dass auch Russland gegen die globale Krise nicht immun sei.

Beobachter vor Ort wie die Ökonomen von Barclays Capital prognostizieren, dass der seit acht Jahren dauernde Aufschwung mit Wachstumsraten von sieben Prozent zu Ende ist. Eine Trendwende sieht Wladimir Tichomirow, Chefökonom von Uralsib in Moskau: "Bislang hat nur unser Finanzsektor unter der Krise gelitten, seit November schrumpft die Realwirtschaft."

Dafür gibt es Belege. Russlands Industrieunternehmen stellten im November nach amtlichen Angaben 15,3 Prozent weniger her als noch im Oktober. In einzelnen Branchen ist die Talfahrt dramatisch: Die Autoindustrie setzte knapp 60 Prozent weniger als im Vorjahresmonat ab, bei der Röhrenproduktion waren es 40 Prozent. Auch die Rohstoffkonzerne mussten ihre Förderung um 5,8 Prozent drosseln. Das Wirtschaftsministerium prognostiziert für 2008 insgesamt nur noch ein Wachstum von 1,9 Prozent. Daraus berechnen Experten, dass das Ministerium für Dezember sogar ein Minus von 19 Prozent erwartet. Die Arbeitgeber blieben umgerechnet 200 Mio. Euro schuldig, mehr als doppelt so viel wie im Oktober. Zwei Prozent aller Erwerbstätigen erhielten laut offiziellen Zahlen ihr Geld verspätet oder vorerst gar nicht, in Umfragen beschwert sich jeder fünfte Befragte über Verzögerungen. Das erinnert viele Russen an die chaotischen Jahre unter Boris Jelzin, aber auch an den Rubelchrash 1998. Damals begann der Aufstieg von Wladimir Putin, der heute Premier und immer noch der starke Mann in Russland ist. Putin hatte damals dafür gesorgt, dass private und staatliche Unternehmen die ausstehenden Löhne und Renten aus- und nachzahlen.

Der Vertrauensverlust zeigt sich im Wertverlust des Rubels. Die Zentralbank hat nach eigenen Angaben seit August 161 Mrd. Dollar zur Stützung des Rubels eingesetzt, um die Abwertung gegenüber Euro und Dollar auf rund 15 Prozent zu begrenzen. Banken wie Goldman Sachs und Citigroup rechnen 2009 mit einer weiteren Abwertung von bis zu 25 Prozent. Putin selbst hatte jede plötzliche Abwertung ausgeschlossen - und damit bislang einen Ansturm der Russen auf ihre Banken verhindert. Im Oktober lösten sie laut Zentralbank sechs Prozent ihrer Bankguthaben auf, die Devisenanlagen stiegen um elf Prozent. Daten für November liegen noch nicht vor.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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