Weltwirtschaft
Schwellenländer verhindern die Rezession

Einst als "Dritte Welt" abqualifiziert, leisten die Schwellenländer heute einen wichtigen Beitrag zum Wachstum der Weltwirtschaft. Sie leben verstärkt von der eigenen Nachfrage, während die Führungsländer straucheln.
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Düsseldorf / FrankfurtDie Warnsignale für die Weltwirtschaft lassen sich nicht mehr übersehen: Erst rutschten die Frühindikatoren in den USA und Europa ab, nun knicken auch die Konjunkturdaten ein. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft in der Euro-Zone verglichen mit dem Vorjahr nur noch um 1,6 Prozent gewachsen, in den USA um 1,5 Prozent – deutlich weniger als in den ersten drei Monaten. Japans Wirtschaft – zusätzlich belastet durch Erdbeben, Tsunami und Atomunfall – schrumpfte sogar um ein Prozent. Die sieben wichtigsten Industrieländer (G7), jahrzehntelang die Zugpferde der Weltwirtschaft, lahmen also.

Doch heißt das schon, dass die Welt in eine neue Rezession abgleitet? Da sind die Volkswirte uneins. Eine Rezession nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Japan sagt etwa US-Ökonom Nouriel Roubini voraus, der mit seinen Warnungen vor der Weltwirtschaftskrise 2008/09 berühmt geworden ist. „Die meisten hochentwickelten Volkswirtschaften stehen am Rande einer W-förmigen Rezession“, sagt er. Der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, schätzt zwar das Risiko einer Rezession in den USA auf 50 Prozent, sieht aber weltweit keine Gefahr einer Rezession. „Und für die deutsche Wirtschaft sehe ich diese Gefahr erst recht nicht“, sagte er auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik.

Betrachtet man die jüngsten Konjunkturdaten in ihrer Gesamtheit, dann bietet sich folgendes Bild: Solange kein neuer Schock von der Tragweite der Pleite der US-Investmentbank Lehman auftritt, wird die Weltwirtschaft einen Abschwung, aber keine Rezession erleiden. Dafür ist das Wachstum in den Schwellenländern nach wie vor zu stark. Viele Beobachter im Westen unterschätzen bei ihren Prognosen zwei Dinge: Wie groß der Anteil der Schwellenländer am globalen Wachstum geworden ist, und wie sehr diese Volkswirtschaften inzwischen von der eigenen Nachfrage leben.

Drei Viertel des globalen Wachstums stammen bereits aus den Schwellen- und Entwicklungsländern. Dieser ehemals als „Dritte Welt“ abqualifizierte Teil der Erde hat seinen Anteil an der Weltwirtschaft seit 2000 von 20 Prozent auf 34 Prozent gesteigert. Gleichzeitig ist der Anteil der G7-Länder von zwei Dritteln auf die Hälfte geschrumpft. Das heißt: Selbst wenn die alten Industriemächte fast stagnieren, halten die Schwellenländer, wenn sie halbwegs auf dem bisherigen Wachstumspfad bleiben, die globale Wachstumsrate bei drei Prozent.

„Die Schwellenländer sind eine große Stütze für die Weltwirtschaft“, bestätigt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Das gelte nicht nur für rohstoffreiche Länder wie Brasilien, sondern insbesondere für asiatische Nationen, die niedrig verschuldet seien und einen hohen Nachholbedarf hätten. Das treibt die Inlandsnachfrage, aber auch den sogenannten Süd-Süd-Handel. „Der Handel zwischen den Schwellenländern nimmt zu, die Investitionen steigen, und es werden zunehmend weitere Regionen einbezogen“, sagt Langhammer.

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Entwicklungsländer stützen sich selbst

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  • Teil II
    Also bleibt nur noch ein „Weiter so wie bisher“, also jeden Monat ein immer noch größeres Rettungspaket. Das geht vielleicht noch ein Jahr so, dann klappt auch dort alles zusammen, wenn eine Hyperinflation auf eine Rezession trifft. Beides gleichzeitig, das hatten wir noch nie, werden es aber kennen lernen.
    Mir scheint es, als ob die Lobbyisten der Finanzbetrugswirtschaft ein Erstarken der Weltwirtschaft geradezu verhindern wollen. Anders kann ich mir diese mutwillige Zerstörung von Volksvermögen und Verarmung ganzer Staaten nicht erklären.
    Nur durch einen Reset im Finanzsystem und einer Aufteilung in Geschäfts- und Zockerbanken, hätten die westl. Industriestaaten eine Chance auf eine halbwegs funktionierende Wirtschaft.

    http://siggi40.magix.net/website#Geld

  • Die Warnsignale für die Weltwirtschaft lassen sich nicht mehr übersehen.
    In den letzten 3 Jahren haben die Staaten weltweit ca. 32,5 Billionen $ aufgewendet, natürlich alles auf Pump, um die Banken zu retten und um einen selbsttragenden Aufschwung auszulösen. Beides ist gründlich schief gegangen. Sämtliche Konjunkturstrohfeuer sind wirkungslos verpufft, ohne den gewünschten Erfolg. Dieses Jahr laufen alle Konjunkturstrohfeuerpakete aus, der Grund für den schon beginnenden Rückgang des weltweiten BIP. Eigentlich auch logisch. Obama möchte schon wieder ein Neues auflegen.
    Jetzt sind die Ind.Staaten pleite, kämpfen mit wegbrechenden Steuereinnahmen und explodierenden Ausgaben für Soziales und Kapitaldienst. Das wird kein W, sondern ein L, wobei der freie Fall nur um 3 Jahre hinausgeschoben wurde, jetzt aber noch vehementer einsetzt.
    Trotz all dieser Rettungspakete, die dem jährlichem BIP der Weltwirtschaft entsprechen, traten die alten Industrieländer mit einer Wachstumsrate von nur noch 0,2 Prozent auf der Stelle.
    Und jetzt ist der liquiditätsgetriebene Konsum zu Ende, mit allen Konsequenzen für die Binnennachfrage und dem Export. Die Gewinner dieser Krise sind tatsächlich die BRIC, die Dank dem Export ihrer gigantischen Rohstoffe ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum, vor allem untereinander erreicht haben. Die BRIC benötigen nicht den Westen, aber der Westen die BRIC, das ist der kleine aber feine Unterschied.
    Die Konjunkturpakete sind dort auch nicht wirkungslos verpufft, sondern haben sich wie geplant in Wirtschaftswachstum entwickelt.

    Auch unsere Börsen waren/sind lediglich mit unendlichen Billionen Steuergeldern liquiditätsgetrieben. Wohin die Reise geht, wenn den Junkies der Stoff weggenommen wird, müsste doch auch klar sein. Wir befinden uns in der größten Blase aller Zeiten.

  • Was bewirkt der Anteil an der Weltwirtschaftsleistung der Schwellenländer für unsere Konjunktur. Bei einem Anteil von 14% nicht viel. Besonders, wenn in den Schwellenländern die Binnennachfrage floriert. Für Deutschland ist entscheidend, was unsere Wirtschaft an Nachfrage im In- und Ausland realisieren kann. 70% des Exports gehen nach Europa. Aber Europa hat sich Sparprogramme und Schuldenbremsen auferlegt, was zu der Frage führt, wenn alle sparen, wer kauft dann unsere Waren. Herr Sinn u.a. sind ja je nach Interessenlage geübt im Schön- oder Schlechtreden. Momentan ist Schönreden angesagt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass bei dem Weiter-so unserer Regierung ein Ende unserer Semiexportweltmeisterschaft absehbar ist.

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