Wertvolle Daten, die auf der Straße liegen
Konjunkturindikatoren für alle

Klassische Konjunktur-Indikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima haben seit 2001 deutlich an Aussagekraft verloren. Einige Volkswirte sehen sich daher nach Alternativen um – nach unkonventionellen, aber verlässlichen Prognose-Werkzeugen.

DÜSSELDORF. Die inoffizielle Berufsweisheit der Konjunktur-Profis stammt von Winston Churchill: „Prognosen sind unsicher – vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.“ In diesen Tagen ist dies so zutreffend wie selten zuvor: Volkswirte stochern im Nebel.

Denn klassische Indikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima haben seit 2001 deutlich an Aussagekraft verloren – durch „exogene Schocks“ wie das Platzen der größten Börsenblase aller Zeiten, die Terror-Angst nach dem 11. September 2001 und die Bilanzskandale in den Vereinigten Staaten. „Der Ifo-Index hat uns 2002 völlig in die Irre geführt“, erinnert sich Joachim Scheide, Konjunktur-Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Einige Volkswirte sehen sich daher nach Alternativen um – nach unkonventionellen, aber verlässlichen Prognose-Werkzeugen. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die künftige wirtschaftliche Entwicklung besser vorhersagen können“, sagt Thomas Hueck, Leiter der Abteilung Makro-Research bei der Hypo-Vereinsbank (HVB).

Die Ökonomen der Großbank haben deshalb vier neue Indikatoren entwickelt – für die Entwicklung der Exporte, des Preisniveaus, der Rezessionsgefahr und den politischen Reformdruck. Und: „Wir haben weitere in Arbeit“, sagt Hueck. Das Handelsblatt berichtet künftig regelmäßig und exklusiv über diese neuen Prognose- Instrumente – in der neuen Rubrik Ökonomix. Sie ergänzt den Handelsblatt-Frühindikator und den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator.

Die vier Ökonomix-Indikatoren haben eins gemeinsam: Sie liegen abseits des wissenschaftlichen Mainstreams – haben aber dennoch einen hohen Aussagewert. Die HVB-Ökonomen haben die Barometer mit modernen ökonometrischen Methoden geprüft und festgestellt: Sie laufen ihrer Referenzgröße zuverlässig voraus. „Die klassische Konjunkturforschung hat sie aber bislang nicht im Blick“, sagt HVB-Volkswirt Andreas Rees.

Dabei liegen die Indikatoren zum Teil quasi auf der Straße – zum Beispiel der Baltic-Dry-Index (BDI), ein Index der Frachtkosten auf den weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten. Er hat sich als guter Frühindikator für die deutschen Exporte entpuppt. Die HVB ist durch puren Zufall auf ihn gestoßen: „Wir haben ihn eine Weile beobachtet und waren verblüfft, wie eng der Zusammenhang ist“, sagt HVB-Ökonom Rees.

Vereinzelt haben auch andere Ökonomen den BDI entdeckt – zum Beispiel Lakshman Achuthan, Direktor des Economic Cycle Research Institute in New York. „Er ist ein guter Frühindikator für die weltweite Industrie-Nachfrage.“ Dass der Index dennoch bislang ein Schattendasein fristete, erklärt er sich so: „Es gibt großen Widerstand gegen neue Indikatoren“ – weil die Flut von Indizes viele Leute überfordere.

Dabei haben die neuen Instrumente wie der BDI einen großen Vorteil: Sie sind intuitiv eingängig. „Auch Laien verstehen sie ohne große Erklärung“, sagt Hueck. Aber gerade deswegen rümpfen manche konservativen Vertreter der ökonomischen Zunft die Nase – nach dem Motto: Seriös ist nur, was auch kompliziert ist.

Eines der renommiertesten Wirtschaftsmagazine straft diese Sicht seit Jahren Lügen – der britische „Economist“. Seit 1986 berechnet das Blatt den „Bic-Mac-Index“. Er vergleicht, wie viel ein McDonald’s-Hamburger in verschiedenen Ländern kostet – und erlaubt Schlüsse, ob die Währungen im Vergleich zum US-Dollar fair bewertet sind. Wären sie das, müssten die umgerechneten Hamburger- Preise überall identisch sein. Die Wechselkurs-Prognosen des „Big- Mac-Indexes“ lagen sehr oft richtig.

Einer der Ökonomix-Indikatoren lehnt sich an eine andere Idee des „Economist“ an, den „R-Word- Indicator“ der Briten. Das Magazin zählt regelmäßig, wie oft das Wort „Recession“ in US-Zeitungen auftaucht – 1982, 1990 und 2001 zeigte der Indikator früh die US-Rezessionen an.

Die HVB-Volkswirte haben die Idee übernommen – und durchforsten Handelsblatt, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung nach dem R-Wort – mit „sehr überzeugenden Ergebnissen“, sagt Hueck. Der deutsche R-Wort-Index ist so zuverlässig, dass die HVB- Ökonomen ihn für ihre Vorab-Prognosen des Ifo-Indexes nutzen.

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