Wie Wirtschaft funktioniert: Tickt in Deutschland eine demografische Zeitbombe?

Wie Wirtschaft funktioniert
Tickt in Deutschland eine demografische Zeitbombe?

Der demografische Wandel ist oft Anlass für Katastrophenszenarien, dabei steigt nicht nur das Durchschnittsalter, sondern auch die Produktivität. Er hat auch eine positive Seite, die meist unbeachtet bleibt.
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Weil wir immer weniger Kinder in die Welt setzen, schrumpft die deutsche Bevölkerung und wird immer älter. Das wird fast nur mit negativen Ausdrücken belegt wie Demografieproblem oder in der alarmistischen Variante: demografische Zeitbombe. Seit mindestens dreißig Jahren hören wir solche Warnungen, aber bisher ist die Katastrophe ausgeblieben. Es tickt und tickt und tickt immer weiter.

Das hartnäckige Ausbleiben der Katastrophe lässt sich einfach erklären. Es klingt zunächst einmal schlimm, wenn der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2060 von 60 Prozent auf 50 Prozent sinkt, während gleichzeitig der Anteil der über 65-jährigen von einem Fünftel auf ein Drittel steigt. Für die wenigen Aktiven kaum noch zu stemmen?

Der Kontrast mit der Situation bei Einführung der Rentenversicherung Ende des 19. Jahrhunderts ist eindrucksvoll. Ein 50-jähriger Mann erreichte damals im Durchschnitt gerade so das Rentenalter von 70 Jahren. Auch im Jahr 1957, als das heutige Umlageverfahren mit einem Beitragssatz von 14 Prozent eingeführt wurde, war die Rentenbezugszeit noch viel kürzer als heute. Inzwischen läuft diese auf zwanzig Jahre zu, und wir können uns die Rentner immer noch leisten. Neben dem Durchschnittsalter steigt nämlich auch die Produktivität, und zwar schneller als die Lebenserwartung.

Wenn die preisbereinigte Wirtschaftsleistung pro Beschäftigtem aufgrund des Produktivitätsfortschritts in den nächsten 48 Jahren nur um ein bescheidenes Prozent pro Jahr steigt, ergibt das eine Zunahme von 60 Prozent, bei 1,5 Prozent pro Jahr sogar 100 Prozent. Die 50 Prozent Aktiven im Jahr 2060 können dann ohne Mehrarbeit eine Wirtschaftsleistung erbringen, die um ein bis zwei Drittel höher ist als die der heute aktiven 60 Prozent. Weil Arbeitskräfte knapper werden, dürfte zusätzlich die Arbeitslosigkeit sinken und die Erwerbsbeteiligung steigen.

Allein in den letzten zehn Jahren ist die durchschnittliche Lebensarbeitszeit der Deutschen wegen der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und der höheren Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre auf 34,3 Jahre gestiegen. Der Ausbildungsstand der Arbeitskräfte dürfte sich ebenfalls verbessern.

Wohnen wird billiger, wenn wir weniger werden, allgemein sinken die Überfüllungskosten. Doch der ganz große Gewinn des Geburtenrückgangs in den Industrieländern liegt darin, dass wir eine Chance haben, den Heimatplaneten für unsere Enkel lebenswert zu erhalten. Sieben Milliarden Menschen mit steigendem Energieverbrauch drohen die Klimaerwärmung anzuheizen. Wenn wenigstens die Bevölkerung der Industrieländer mit ihrem weit überdurchschnittlichen Energieverbrauch sinkt, entschärft das die Lage beträchtlich.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Wie Wirtschaft funktioniert: Tickt in Deutschland eine demografische Zeitbombe?"

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  • Also ich gebe bei dieser Diskussion zu bedenken, dass es in Europa durchaus noch andere Länder gibt, deren Geburtenquote noch niedriger ist. Wer aber glaubt, dass hier in Mitteleuropa ein Bevölkerungsvakuum entsteht, ist komplett auf dem Holzweg. Die Wirtschaft wird schon dafür sorgen, dass Arbeitskräftemangel nicht entsteht, indem politisch die Zuwanderung forciert wird. Im Moment denke ich, haben wir hinsichtlich der Bevölkerungsdichte ein gewisses Optimum erreicht. Schwankungen hat es immer gegeben und sollte es etwas rückläufig sein, so ist das wirklich kein Problem, sondern erhöht höchstens noch die Lebensqualität durch geringeren Energieverbrauch und niedrigere Umweltverschmutzung. Dieser Dramatisierung so nach dem Motto "Die Deutschen sterben aus" kann ich nichts abgewinnen. Allerdings sehe ich bei der Altersversorgung schon Probleme auf uns zukommen, um die sich die Politik schon längst hätte kümmern müssen, denn dieses ständige Anheben des Renteneintrittsalters ist nun wirklich nicht die Lösung!

  • Als jemand, der das Thema seit langem erforscht, halte ich Härings Thesen insgesamt für einfach nur albern. Schon der unsägliche Vergleich mit dem Ende des 19. Jahrhunderts! Damals hatten wir die umgekehrte Situation - zu viele Kinder - und die ist selbstredend für eine Gesellschaft ebenfalls kostenintensiv. Der Übergang vom einen extrem auf das andere hat Effizienzgewinne gebracht, stimmt. Leider ist diese Phase vorbei.

    Der gesunde Menschenverstand sollte einem folgendes sagen: würden wir VOLLSTÄNDIG auf Kinder verzichten, käme irgendwann das Ende, Produktivität hin oder her. Es gibt also eine Zahl an Kindern, die man besser nicht unterschreiten sollte. Welche mag das sein? Viele Berechnungen zeigen: ca. 2 Kinder pro Frau, das bestandserhaltende Niveau, ist optiomal. Wir liegen um ein Drittel darunter, bei gebildeten Bevölkerunsschichten sogar um die Hälfte.

  • Die Katastrophe ist keineswegs ausgeblieben. Sie ist nur halt demographischer Natur, und das heißt: langsam. Der Verzicht auf Kinder hat über Jahrzehnte eine Scheinkonjunktur beschert: statt diese Kinder aufzuziehen, konnte frau immer mehr "erwerbstätig" sein. Erst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen, wird die Katastrophe wirklich zuschlagen.

    Lokal tut sie es längst. In vielen Teilen Deutschlands kann man schon beobachten, daß Schrumpfung viel teurer ist als die angebliche "Überfüllung". Die für weit mehr Menschen ausgelegte Infrastruktur wird in großem Maße entwertet, ihre Nutzung für die verbleibenden Menschen immer teurer.

    Bleibt das Produktivitätsargument. Offenbar huldigt auch hier jemand der Vorstellung, das Produktivitätswachstum der nächsten Jahrzehnte könne denen, die es erwirtschaften, komplett weggenommen werden. Darauf läuft seine Lehre nämlich hinaus: wir verdoppeln die Abgabenlasten. Abgesehend davon ist sehr zweifelhaft, ob die Produktivität einer überalterten und immer weniger innovativen Gesellschaft sich weiterhin in diesem Umfang steigert, insb. in Konkurrenz zum Ausland. Japan liefert hier erschreckende Tendezen.




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