Wieder Wachstum
Konsum schiebt Konjunktur an

Ein überraschendes Wachstum im zweiten Quartal schürt die Hoffnung auf eine schnellere Belebung der deutschen Wirtschaft. Nach einer einjährigen Phase schrumpfender Wirtschaftsleistung hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal wieder zugelegt. Auch in der Euro-Zone ist der Konjunktureinbruch nahezu gestoppt.
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FRANKFURT/BERLIN/DÜSSELDORF. Mit plus 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal übertrafen die vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Berechnungen am Donnerstag alle Erwartungen. Damit ist, zumindest formal, die bisher schwerste Rezession der Nachkriegszeit beendet. Zu Jahresanfang hatte die Wirtschaft noch ein Rekordminus von 3,5 Prozent im Quartalsvergleich verbucht.

Gleichzeitig verbessern sich die Chancen, dass auch die Daten für das Gesamtjahr nicht mehr ganz so negativ ausfallen wie befürchtet: Selbst wenn die Wirtschaft entgegen den Erwartungen von Konjunkturexperten sofort wieder in eine Stagnation fiele, schrumpfte das BIP unter dem Strich nur noch um rund fünf Prozent - das wäre ein Prozentpunkt weniger, als die Regierung bisher in ihrer Projektion für 2009 erwartet.

"Die deutsche Wirtschaft schafft die Wende erfreulicherweise früher als gedacht", kommentierte der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier, die Daten für das zweite Quartal. Der BIP-Anstieg sei den Anstrengungen der Unternehmen zu verdanken, die trotz eingebrochener Aufträge und Umsätze mittels Kurzarbeit so viele Arbeitsplätze wie möglich gehalten hätten. "Das hat das Vertrauen der Bürger gestärkt und den privaten Verbrauch stabilisiert."

Tatsächlich trug der private Konsum neben gestiegenen staatlichen Konsumausgaben wesentlich zu dem Wachstum bei. Positiv wirkten auch die Bauinvestitionen. Dies führen Volkswirte indes noch nicht auf die staatlichen Investitionsprogramme zurück, sondern vor allem auf die Wetterbesserung nach dem kalten Winter. Die Konjunkturpakete für den Bausektor dürften sich erst in den nächsten Monaten stärker auswirken.

Umso günstiger sind die Aussichten, dass die Wirtschaft weiter an Fahrt gewinnt. Das Plus im Frühjahr werde "keine Eintagsfliege bleiben", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer und verwies auf die sich zugleich abzeichnende Erholung der Weltwirtschaft. Allerdings bleibt das Risiko, dass der befürchtete Anstieg der Arbeitslosigkeit im Jahr 2010 den Konsum und die Konjunktur bereits wieder ausbremst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte im TV-Sender Phoenix mit Blick auf das internationale Umfeld: "Jetzt beginnt der Wettlauf, wer ist am schnellsten aus der Krise heraus." Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sah trotz gesteigerter Zuversicht noch "keinen Anlass zur Euphorie".

Dennoch nährt die verbesserte Konjunktur sogar Hoffnung auf eine graduelle Entlastung der Staatskassen. Heinz Gebhardt, Fachmann für öffentliche Finanzen am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, verdeutlicht dies mit einer Faustformel: Fiele die sogenannte Produktionslücke in der Volkswirtschaft um einen Prozentpunkt geringer aus als befürchtet, könne "mit einer um etwa einen halben Prozentpunkt geringeren Defizitquote gerechnet werden". Derzeit erwartet die Regierung für 2009 ein Staatsdefizit von vier Prozent des BIP, ein Prozentpunkt über dem Limit des Maastricht-Vertrags. Günstigenfalls könnte es sich demnach bei 3,5 Prozent einpegeln. Auch das für 2010 erwartete Defizit von sogar sechs Prozent würde dann um mindestens einen halben Punkt unterschritten. Im Lot wären die Etats damit freilich noch lange nicht.

Dass der Abwärtstrend der Wirtschaft vorerst gestoppt ist, belegen aber auch Unternehmensdaten: Bevor heute Thyssen-Krupp als letzter der 30 Dax-Konzerne seine Quartalszahlen vorlegt, zeichnet sich nach Berechnungen der Landesbank Baden-Württemberg und des Handelsblatts zwar ein Minus beim Nettogewinn von rund 45 Prozent ab. Doch im ersten Quartal waren es noch 63 Prozent.

Trotz der Einbrüche im ersten Halbjahr erwarten Analysten, dass die Gewinne im Gesamtjahr um weniger als zehn Prozent sinken werden. 2008 waren sie noch um 35 Prozent eingebrochen. Dies hat auch statistische Gründe: Vom dritten Quartal an vergleichen sich die Unternehmen erstmals mit einem von der Rezession gezeichneten Vorjahresquartal.

Deutschland stützt Euro-Zone

Talfahrt gestoppt

Den Schwergewichten Deutschland und Frankreich sei Dank: Auch in der Euro-Zone ist der Konjunktureinbruch nahezu gestoppt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im zweiten Quartal verglichen mit dem Vorquartal nur leicht um 0,1 Prozent. Im ersten Vierteljahr war das BIP um 2,5 Prozent eingebrochen, teilte Eurostat mit. Die französische Wirtschaft war im zweiten Quartal wie die deutsche um 0,3 Prozent gewachsen.

Vager Ausblick

Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet dennoch nur mit einer langsamen Erholung im gesamten Euro-Raum. Die Konjunktur werde im zweiten Halbjahr 2009 schwach bleiben. "In dieser Einschätzung sind verzögerte negative Effekte berücksichtigt, die in den kommenden Monaten zum Tragen kommen dürften, wie zum Beispiel eine weitere Verschlechterung der Arbeitsmarktlage", schreibt die EZB.

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