Wirtschaft
Großbritannien steckt weiter in Rezession

Die Wirtschaft Großbritanniens ist im dritten Quartal überraschend geschrumpft: In den Monaten Juli bis September ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf Quartalssicht um 0,4 Prozent gesunken.
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HB LONDON. Die vorläufigen Berechnungen teilte das Nationale Statistikbüro mit. Experten hatten dagegen ein Wachstum von 0,2 Prozent erwartet. Damit sank die Wirtschaftsleistung das sechste Quartal in Folge. Eine derart lange Durststrecke gab es in der britischen Wirtschaft noch nie seit Einführung der Statistik 1955. Im zweiten Quartal war das BIP um 0,6 Prozent zurückgegangen. „Das dritte Quartal ist furchtbar. In den Daten gibt es nichts Positives“, sagte Volkswirt James Knightley von ING.

Im Jahresvergleich schrumpfte die Wirtschaftsleistung erneut kräftig, wenngleich sich der Abwärtstrend etwas abschwächte. Im dritten Quartal schrumpfte das BIP auf Jahressicht um 5,2 Prozent. Im Vorquartal lag die Rate bei minus 5,5 Prozent. Volkswirte hatten jedoch mit minus 4,6 Prozent eine günstigere Entwicklung erwartet.

Mit der Malaise gerät Großbritannien im Kreis der großen Volkswirtschaften Europas ins Hintertreffen, da Deutschland und Frankreich bereits im Frühjahr den Sprung in die Wachstumszone schafften. Dies bringt auch den unpopulären Premier Gordon Brown zusehends in die Bredouille, dessen Labour-Partei sich bis spätestens Mitte nächsten Jahres Unterhauswahlen stellen muss.

Die Regierung setzt darauf, dass sich die wirtschaftliche Großwetterlage in den kommenden Monaten aufhellen wird: „Ich habe immer gesagt, dass sich gegen Ende des Jahres wieder Wachstum einstellen wird“, sagte Finanzminister Alistair Darling nach Veröffentlichung der Wirtschaftsdaten für das dritte Quartal. Angesichts der schwersten Krise seit 60 Jahren sei allerdings weiterhin Vorsicht geboten.

Das britische Pfund geriet nach den schwachen Daten stark unter Druck. Der Eurokurs stieg auf 0,9158 Britische Pfund. Vor der Veröffentlichung der Daten hatte der Euro noch bei 0,9030 Pfund notiert. Am Donnerstag hatte die EZB den Referenzkurs noch auf 0,9053 Pfund festgesetzt. Auch zum US-Dollar geriet das Pfund stark unter Druck.

Insbesondere der angeschlagene Dienstleistungssektor kommt nicht auf die Beine: Der Service-Sektor schrumpfte im Sommer um 0,2 Prozent, wobei das Hotel- und Gaststättengewerbe besonders kräftig Federn lassen musste. Auch die Industrie schwächelt weiter. Die Produktion sank um 0,7 Prozent.

„Volkswirtschaften, die wie Großbritannien im hohen Maße vom Dienstleistungssektor abhängig sind, profitieren im geringeren Umfang von der weltweiten Konjunkturerholung“, sagte Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Gleichwohl seien zuletzt auch in Großbritannien Stabilisierungstendenzen zu erkennen gewesen. Das schwache britische Pfund werde Großbritannien kurzfristig aber kaum helfen, da der Exportsektor schwach sei. „Jedoch kann ein schwaches Pfund auf lange Sicht zu einer Restrukturierung der britischen Wirtschaft beitragen“, sagte Hellmeyer.

Die britische Notenbank dürfte auf den abermaligen Wachstumsrückgang im dritten Quartal laut WestLB reagieren. Die Bank of England werde wohl ihre quantitative Steuerung im November nochmals ausdehnen, heißt es in einer Studie vom Freitag. Bereits jetzt beläuft sich das Programm zum Ankauf von Anleihen auf 175 Milliarden Pfund (rund 191 Mrd Euro). Die neuesten Wachstums-Zahlen für Großbritannien zeigen laut WestLB, dass die Kapazitätsauslastung geringer als angenommen ist. In der Vergangenheit hatte Notenbankchef Mervyn King die Bedeutung der Kapazitätsauslastung für den geldpolitischen Kurs mehrfach unterstrichen.

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