Wirtschaftsbücher Das Geschäft mit der Angst

Wer derzeit einen Blick ins Bücherregal der Buchhändler wirft, sieht die düstere Zukunft der Weltwirtschaft. Die ökonomische Literatur des Frühjahrs prognositiziert das Ende des Eigentums, den Untergang des Westens und den Tod der bisherigen Wirtschaftsordnung. Der populäre Pessimismus wird zum Verkaufsschlager.
  • Peter Felixberger
2 Kommentare
Nicht nur an der New Yorker Börse breitet sich die Angst aus. Quelle: Reuters

Nicht nur an der New Yorker Börse breitet sich die Angst aus.

(Foto: Reuters)

ERDING. In der Not klammert sich ein Ertrinkender an jeden Strohhalm. So heißt es im Volksmund. Das gilt auch für die Wirtschaftsbuchverlage, deren Situation sich im letzten Jahr weiter verschlechtert hat. Im Zentrum der Krise steht vor allem das populäre Sachbuch. Die Verkäufe und damit die Auflagen sinken, die Zeit der großen Bestseller scheint im Moment vorbei zu sein. Noch schlimmer: Die meisten Bücher dümpeln am Rande der blitzlichternden Aufmerksamkeitsökonomie. Sie sind kaum sichtbar und wenig bis gar nicht ins soziale Zeitgespräch einbezogen. Wirtschaftsbücher sind eben nur Bücher zweiter bis dritter Klasse, heißt es vielerorts bräsig.

Diese Haltung färbt offenbar ab. Nur noch wenige Wirtschaftssachbücher schaffen es in die Regale und auf die Verkaufstische. Beim Stöbern in den Wirtschaftsbuchabteilungen der großen Buchhandelsketten hat man mittlerweile den Eindruck, dass die gesamte Produktion der Branche nicht mehr als zwei Handvoll Bücher umfasst. Und oft findet man diese Bücher nur im obersten Stockwerk oder im letzten Winkel.

Man könnte den Verlagen unterstellen, sie würden nur noch langweilige, uninteressante Bücher herausbringen, die eben deshalb keine Käufer mehr finden. Doch das ist zu kurz gedacht, denn auch in diesem Frühjahr sind Qualität und Heterogenität der Erörterungslagen nicht übel. Bei Durchsicht der Vorschaukataloge ist man eher erstaunt über die Vielfalt und Qualität der angebotenen Bücher. Doch wie bringt man sie an den Leser?

Mit einem alten Bauerntrick. Das Geschäft mit der Angst soll es richten. In den Nachwirren der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise setzen die Wirtschaftsbuchverlage auf Ende und Untergang jener Wirtschaftsrealität, die wir bisher als Globalisierung, Kapitalismus und Weltwirtschaft bezeichnet haben. Ganz nach dem Motto: Wenn nicht mehr mit Angst, mit was sonst sollen wir die Leute zum Buchkauf motivieren? Der Panikregler wird aufgedreht, die kapitalistische Wirtschaft wird als gigantische Fehlentwicklung der Menschheit entlarvt. Parallel dazu werden einige ideologische Süppchen aufgekocht, die doch eigentlich längst von der Speisekarte gestrichen wurden.

So treffen wir alte Bekannte wieder. Zum Beispiel den amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt und den Philosophen Antonio Negri, der in Italien leider immer noch von vielen als geistiger Brandstifter der Roten Brigaden stigmatisiert wird. Vor acht Jahren haben die beiden unter dem Titel "Empire" von einer kommenden Weltordnung geschrieben, die alle Menschen durchdringen und an die Ketten legen wird. Flucht unmöglich.

Jetzt heben sie zu einem weiteren Abgesang auf den globalen Kapitalismus an und skizzieren in "Common Wealth" eine gerechte Gesellschaft auf der Idee des gemeinsamen Besitzes von Ressourcen wie Wasser und Luft sowie Wissen und Information. Jenseits von Profit, Ellenbogen und Besitzdenken. Ins alte Horn stößt auch der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Falsche Anreize, entfesselte Märkte und eine ungerechte Reichtumsverteilung hätten die Welt an den Abgrund geführt.

Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

2 Kommentare zu "Wirtschaftsbücher: Das Geschäft mit der Angst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "die Geld haben oder gut verdienen (jonas, aruba , bayrl, ...)"

    Zur Stelle. Was meckern Sie ?

    "Schlimm finde ich auch was die bei Telepolis so von sich geben"

    Sehr innovative Plattform, deutlich politischer und wissenschaftlich fundierter als die etablierten (nicht-elektronischen) blätter.

    Alles, was ich feststellen kann, ist, daß Analysen, die ich vor Jahren angestellt habe, und deren Ergebnisse, inzwischen auch Einzug in die Aussagen von Wirtschaftsprofessoren finden.

    Manchmal muß man seiner Zeit voraus sein, vor allem wenn die Zeiten von Ewiggestrigen Gierigen dominiert werden.

  • Musste beim lesen immer an die Kommentare hier im Handelsblatt denken.
    CrisisMaven, der die Kommentare hier als Werbefläche für sein blog entdeckt hat :-P
    Oder alle die hier auf alle schimpfen die Geld haben oder gut verdienen (jonas, aruba , bayrl, ...).
    Die scheinen ernsthaft der Meinung zu sein, wer Geld verdient muss zwangsläufig kriminell sein.
    Schlimm finde ich auch was die bei Telepolis so von sich geben, vorallem Rainer Sommer und Arthur P Schmidt fallen da doch sehr negativ als bS-Generatoren auf.
    Scheint so als wenn grosse Medienereignisse wie 9/11, die Mondlandung und nun die Wirtschaftskrise die Phantasie einiger Leute ziemlich stark beflügelt. Nach 9/11 gabs auch schon so eine Welle von Leuten die "Das Ende der Spaßgesellschaft" oder "Das Ende des Abendlandes" verkündigt haben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%