Wirtschaftsklima
Europäische Ökonomen sorgen sich um den Euro-Kurs

Während Ökonomen in Deutschland in Konjunktureuphorie ausbrechen, setzt sich in Bezug auf den europäischen Währungsraum zunehmend Skepsis durch. Das befürchtete Szenario: Der steigende Euro-Kurs sorgt für ein Ende der wirtschaftlichen Erholung.
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FRANKFURT. Zwar will keines der 15 Mitglieder des EZB-Schattenrats derzeit den Leitzins ändern. Doch sind inzwischen immerhin vier der Ansicht, in den nächsten drei Monaten könnte eine Senkung des mit einem Prozent rekordniedrigen Leitzinses angezeigt werden. Sie berufen sich dabei auf sich eintrübende Konjunktur- und Wirtschaftsklimaindikatoren und auf die bremsende Wirkung des steigenden Euro-Kurses.

Da die Europäische Zentralbank (EZB) jene Maßnahmen zurückführt, mit denen sie in der Krise die Märkte mit Liquidität geflutet hat, ziehen die Zinsen am Geldmarkt langsam, aber stetig an. Das sind die Zinsen, zu denen sich die Banken untereinander mit kurzfristigen Mitteln aushelfen. Die Sätze dafür lagen bisher wegen des Liquiditätsüberhangs deutlich unter dem Leitzins, nähern sich nun aber diesem an. „Das passt nicht zu den schlechter werdenden Konjunkturindikatoren und übt Aufwärtsdruck auf den Euro aus“, sagte Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital. „Die EZB sollte wieder anfangen, Staatsanleihen aufzukaufen, wie das auch die US-Notenbank und die Federal Reserve vorbereiten. Andernfalls wird der Euro durch die Decke gehen“, ergänzte Jacques Cailloux von der Royal Bank of Scotland.

Am Freitag nährte der Präsident der für New York zuständigen regionalen Notenbank, William Dudley, entsprechende Erwartungen. Die Wirtschaftslage sei so schlecht, dass eine weitere Lockerung der Geldpolitik nötig werden dürfte, sagte der einflussreiche Geldpolitiker. Der Euro machte am Freitag einen Satz nach oben. Er stieg um über einen Cent in die Nähe von 1,38 Dollar, den höchsten Stand seit März. Auch wenn der Kurs am Montag leicht fiel: Die Aussagen der Chinesen, griechische Staatsanleihen zu kaufen, stützen einen weiteren Euro-Anstieg.

Noch ist ein Abbruch der wirtschaftlichen Erholung im Euro-Raum nur ein Risikoszenario. Im Durchschnitt erwarten die Schattenratsmitglieder unverändert ein bescheidenes Wachstum von 1,5 Prozent im nächsten Jahr. Für dieses Jahr gehen sie von 1,5 Prozent Wachstum aus. Für Deutschland gehen die meisten Prognostiker von deutlich höheren Wachstumsraten aus.

Inflation bleibt niedrig

Die Inflation wird nach Einschätzung der Experten im Schattenrat auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Nach durchschnittlich 1,6 Prozent in diesem Jahr rechnen sie im nächsten Jahr mit 1,7 Prozent. Die EZB betrachtet Preisstabilität bei einer Teuerungsrate „unter, aber nahe bei zwei Prozent“ als gegeben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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