Wirtschaftskrise
Lettische Wirtschaft im freien Fall

Die Wirtschaft des einstigen Wachstumsstars der Europäischen Union bricht schneller als erwartet zusammen: Im vierten Quartal 2008 schrumpfte die Wirtschaft des kleinen baltischen Lettland um 10,5 Prozent.

STOCKHOLM. Experten hatten zuvor mit einem Minus von rund sieben Prozent gerechnet. Wie das statistische Zentralamt in Riga mitteilte, ging die Wirtschaft sowohl im Produktions- als auch im Dienstleistungsbereich zurück. Damit weist Lettland die größte Rezession in der gesamten EU auf.

Das Land war im vergangenen Jahr in die tiefste Krise seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 geschlittert, nachdem der Immobilienmarkt völlig zusammengebrochen war. Die großen Banken des Landes verzeichnen seitdem ein rapides Ansteigen fauler Kredite. Die zweitgrößte Bank Lettlands, die Parex Bank, wurde Ende 2008 verstaatlicht. Zugleich bat die lettische Regierung den Internationalen Währungsfonds (IWF) um einen Milliardenkredit. Anfang dieses Jahres gewährten IWF, Europäische Union und einige nordische Länder einen Überbrückungskredit von 7,5 Mrd. Euro.

Im Gegenzug musste sich die Regierung von Premier Ivars Godmanis verpflichten, die staatlichen Ausgaben drastisch zu senken. So wurden Lohnkürzungen von rund 15 Prozent bei den öffentlich Bediensteten beschlossen. Gleichzeitig erhöhte die Mitte-rechts-Regierung die Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent.

Der harte Sparkurs hat zu massiven Protesten gegen die Wirtschaftspolitik des Landes geführt. Vor einem Monat kam es in der Hauptstadt Riga zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, als knapp 10 000 Menschen Neuwahlen forderten. Nach Jahren mit zum Teil zweistelligen Wachstumsraten und bis zu 30-prozentigen Lohnerhöhungen ist die Fallhöhe für viele Letten mit Durchschnittsgehältern von knapp 500 Euro groß.

Die größte Furcht haben viele der rund 2,3 Millionen Einwohner vor einer Abwertung ihres Lats. Bislang ist die lettische Währung weitgehend an den Euro gebunden. Da rund 80 Prozent aller Letten ihre Immobilienkäufe mit Fremdwährungskrediten finanziert haben, könnten sie bei einer Abwertung des Lats ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Der lettische Zentralbankchef Ilmars Rimsevics erklärte, dass eine Abwertung für ihn nicht infrage käme. „Ein Abwertung“, sagte er, „wird es niemals geben.“

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%