Wirtschaftskrise
Rezession erreicht Slowakei

Die Slowakei galt noch lange als das Wirtschaftswunderland Osteuropas. Weil der Export leidet, ist die Zeit extremer Wachstumraten vorerst vorbei. Die Regierung deutet an, dass die slowakische Wirtschaft im kommenden Jahr schrumpfen wird. Premierminister Robert Fico bleibt trotzdem ruhig.

WIEN. Jetzt erwischt die Krise auch Osteuropas Musterland mit voller Wucht. Die Slowakei hatte bislang noch gehofft, der Rezession als einziges Land in der Region entgehen zu können. Nun aber bereiten die politische Führung und die Nationalbank die Bevölkerung darauf vor, dass auch die Wirtschaft des Fünf-Millionen-Einwohner-Landes in diesem Jahr schrumpfen wird. Nach den extrem hohen Wachstumsraten der Vorjahre von bis zu zehn Prozent hatte die Regierung in Bratislava noch Anfang Januar darauf gesetzt, dass die Slowakei 2009 mit ein oder zwei Prozent zulegen könnte. Im Unterschied zu Ungarn und der Tschechischen Republik sitzt die Regierung in Bratislava allerdings fest im Sattel. Premier Robert Fico sollte die Legislaturperiode bis zu den nächsten Wahlen Mitte 2010 problemlos überstehen.

„Negatives Wachstum kann ich nicht mehr ausschließen“, sagte Ivan Sramko, Chef der slowakischen Nationalbank. Ministerpräsident Fico deutete in dieser Woche an, dass die slowakische Volkswirtschaft dieses Jahr um ein Prozent schrumpfen könnte. „Damit sind wir aber immer noch zwei bis drei Prozentpunkte besser als der Rest der Euro-Zone“, betonte der Premier. Das Land hatte Anfang Januar als zweiter osteuropäischer Staat nach Slowenien den Euro als Zahlungsmittel eingeführt.

Dass sich die slowakische Volkswirtschaft schwächer als erwartet entwickelt, hängt mit der starken Exportabgängigkeit zusammen. Seit der Abspaltung von den Tschechen 1993 haben die Slowaken beim Neuaufbau ihrer Volkswirtschaft sehr stark auf die Autoindustrie gesetzt. Rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entfällt auf die drei in der Slowakei produzierenden Automobilhersteller Volkswagen, Kia und Peugeot samt deren Zulieferern.

Da sich die wirtschaftliche Entwicklung in Westeuropa stärker abschwächt, müssen die Slowaken jetzt ebenfalls ihre Prognosen zurücknehmen. Andere Indikatoren deuten auch darauf hin, dass der Slowakei härtere Einschnitte drohen.

Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich höher als im Durchschnitt der Euro-Zone und erreichte Ende Februar eine Quote von 9,8 Prozent. Finanzminister Jan Pociatek deutete ebenfalls in dieser Woche an, dass die Staatsverschuldung dieses Jahr die in der Euro-Zone vorgeschriebene Grenze von 3,0 Prozent des BIP überschreiten könnte. „Wir werden aber trotzdem alles versuchen, unter dieser Marke zu bleiben“, sagte der Minister.

Premierminister Robert Fico kann die weitere Entwicklung der Krise mit einer gewissen Ruhe beobachten. Seine Mitte-Links-Koalition hat eine ausreichende Mehrheit im Parlament von Bratislava und muss keine vorzeitige Ablösung befürchten. In den beiden Nachbarländern Ungarn und Tschechien mussten die Regierungschefs hingegen im März aufgeben und zurücktreten.

Als aktuelles Stimmungsbarometer gilt in der Slowakei die für den Samstag angesetzte zweite Runde der Präsidentenwahlen. Favorit ist der von Fico unterstützte Amtsinhaber Ivan Gasparovic, der beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen auf einen Stimmenanteil von 46,7 Prozent kam. Seine Herausforderin in der Stichwahl ist die Oppositionskandidatin Iveta Radicova, die bei der ersten Abstimmung 38 Prozent erreichte. Sollte sich – wie erwartet – Amtsinhaber Gasparovic durchsetzen, wäre das eine klare Bestätigung für den Premier und seinen wirtschaftspolitischen Kurs.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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