Wirtschaftsleistung
Osteuropa ist weit vom Wachstumspfad entfernt

Auch im zweiten Quartal wird das ungarische Bruttoinlandsprodukt schrumpfen – ein Ende der Krise ist vorerst nicht in Sicht. Experten rechnen damit, dass Osteuropa noch Jahre brauchen wird, um auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Bei einigen Ländern konnte sogar der Staatsbankrott nur knapp verhindert werden.

WIEN. Die Stabilisierung der ungarischen Wirtschaft lässt auf sich warten: Auch im zweiten Quartal 2009 ist das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent geschrumpft. Sándor Richter, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), rechnet nicht damit, dass Ungarn vor 2011 auf den Wachstumspfad zurückkehren wird. Die wirtschaftliche Misere der Magyaren ist kein Einzelfall in Osteuropa. Auch andere Länder wie Rumänien, Slowenien oder die Slowakei, die in den vergangenen Jahren zu den Wachstumsstars gehörten, stecken in einer tiefen Rezession. Ungarn wurde im Herbst vergangenen Jahres von der Finanzkrise erfasst, als sich die Volkswirtschaft angesichts einer tiefgreifenden Haushaltsstabilisierung ohnehin nur noch moderat entwickelte. Der damalige Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány hatte Mitte 2006 ein erstes Sparprogramm aufgelegt, um die Sanierung der öffentlichen Finanzen einzuleiten. In der Folge sank zwar die Neuverschuldung von mehr als zehn auf 3,3 Prozent des BIP. Doch die Wirtschaft war noch nicht hinreichend stabilisiert, als die globale Finanzkrise ausbrach.

Vor allem wegen der hohen Verschuldung im Ausland und des ausgetrockneten Anleihemarktes drohte Ungarn beinahe der Staatsbankrott. Nur mit Hilfe eines Milliardenkredits von Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU konnte der Finanzkollaps verhindert werden.

Als Gegenleistung für die internationale Hilfe muss Ungarn aber strenge Auflagen erfüllen. Dazu gehört etwa, dass das Land seinen Sparkurs verschärft. Ein erstes Maßnahmenpaket hat das Parlament im Mai verabschiedet. Es zielt darauf ab, die Staatsausgaben weiter zu senken und neue Einnahmen zu generieren. Da die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr aber voraussichtlich um gut sechs Prozent schrumpfen wird, lockerte der IWF die Regeln für die Neuverschuldung. Das Etatdefizit darf in diesem Jahr 3,9 Prozent und im nächsten Jahr 3,8 Prozent des BIP erreichen.

Aber selbst damit bleibt Ungarn wenig Spielraum, die Krise aus eigener Kraft zu bekämpfen. Das Land ist auf eine Erholung der Weltwirtschaft angewiesen. Allein nach Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner, geht mehr als ein Viertel der Ausfuhren. Aber auch Österreich, die Niederlande, Frankreich und Italien sind wichtige Absatzmärkte. Viele westeuropäische EU-Länder haben milliardenschwere Konjunkturprogramme aufgelegt, von denen Ungarn indirekt profitiert. Denn wenn der Autohersteller Audi auch dank der Abwrackprämie wieder mehr Motoren in seinem Werk in Györ produziert, nutzt das der ungarischen Wirtschaft. Dass das Land weiterhin als Standort gefragt ist, zeigt eine Entscheidung von Daimler. 2008 kündigte das Unternehmen an, rund 800 Mio. Euro in den Bau einer neuen Autofabrik im südungarischen Kecskemét zu investieren. Von 2012 an soll dort die neue Generation der Mercedes A- und B-Klasse vom Band laufen. Daimler bleibt allerdings eine Ausnahme; viele Unternehmen verzichten im Moment auf Investitionen in Osteuropa. Um den Abwärtstrend der ungarischen Wirtschaft zu bremsen, hat die Notenbank die Zinsen deutlich gesenkt. Doch selbst nach den zwei Zinsschritten Ende Juli und Ende August liegt das Niveau mit acht Prozent noch über dem vieler anderer osteuropäischer Länder. Analysten der Erste Bank Ungarn erwarten, dass die Währungshüter schon bei ihrer nächsten Sitzung Ende September den Leitzins weiter senken werden. „Dass die Notenbank nicht früher eingegriffen hat, liegt daran, dass sie den Forint nicht destabilisieren wollte“, sagt Sándor Richter vom WIIW. Die Landeswährung hatte im Zuge der Finanzkrise gegenüber dem Euro stark an Wert verloren, zeigt sich jetzt aber wieder stabiler. In diesem Umfeld ist es dem Staat gelungen, auf den Anleihemarkt zurückzukehren. Das gilt als wichtiges Signal, dass die Investoren das Vertrauen in die ungarische Volkswirtschaft langsam zurückgewinnen.

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