Wirtschaftsminister Babacan will das Haushaltsdefizit senken: Aufschwung in der Türkei kühlt ab

Wirtschaftsminister Babacan will das Haushaltsdefizit senken
Aufschwung in der Türkei kühlt ab

An das vergangene Jahr denkt Nedim Berkin gerne zurück. „Die Kunden standen Schlange“, sagt der Istanbuler Autoverkäufer. „Wir kamen mit den Zulassungen kaum mehr nach.“ Die türkische Kfz-Branche verzeichnete 2004 im Vergleich zum Vorjahr ein Absatzplus von 98,7 Prozent. Hohe Umsatzsteigerungen meldeten auch Verkäufer von Hausgeräten.

ISTANBUL. Doch in diesem Jahr dürfte es in den türkischen Verkaufsräumen ruhiger zugehen. Nach Jahren stürmischen Wachstums schwächt sich die Konjunktur nun ab. 2002 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,9 Prozent, 2003 um 5,8 Prozent und im vergangenen Jahr voraussichtlich um etwa acht Prozent, schätzt Emin Öztürk, Chefvolkswirt beim Istanbuler Brokerhaus Bender Securities. Die Regierung prognostiziert für dieses Jahr nur noch einen Zuwachs von fünf Prozent. Öztürk rechnet mit sechs Prozent. Analysten, die vor einer Überhitzung gewarnt hatten, sind nun erleichtert.

Bereits im Herbst gab es erste Anzeichen eines sanften Abschwungs: Nachdem das BIP in den ersten beiden Quartalen um 14,4 und 12,4 Prozent zugelegt hatte, ging der Zuwachs im dritten Quartal auf 4,7 Prozent zurück. Nach vorläufigen Berechnungen hat sich dieser Trend in den letzten drei Monaten fortgesetzt. Auf eine Abschwächung deutet auch die Entwicklung der Industrieproduktion hin. Sie wuchs in den ersten beiden Quartalen 2004 noch um beachtliche 10,3 und 15,8 Prozent, im dritten jedoch nur noch um 7,6 und im vierten Quartal um 5,1 Prozent. Analysten hoffen auf eine „weiche Landung“ der Konjunktur: Ein Wachstum, das groß genug ist, um eine Rezession zu vermeiden, aber gering genug, um Inflationsgefahren zu bannen und höhere Zinsen zu vermeiden.

Trotz der starken Binnennachfrage hat die türkische Regierung 2004 ihr Inflationsziel sogar übertroffen. Auf zwölf Prozent sollte der Preisanstieg gebremst werden, tatsächlich waren es 9,3 Prozent. Damit lag die Teuerung auf dem niedrigsten Niveau seit Ende 1975. „Für 2005 peilen wir ein Ziel von acht Prozent an“, sagt Wirtschaftsminister Ali Babacan.

Auch beim Abbau der Staatsverschuldung macht das Land Fortschritte. Im Jahr 2001 betrug der Schuldenstand noch 90 Prozent des BIP. Damals stürzte die Türkei in die schwerste Finanzkrise ihrer jüngeren Geschichte. Inzwischen wurde der Schuldenstand auf rund 70 Prozent abgetragen. „Bis 2006 werden wir die Stabilitätspakts-Kriterien für das Haushaltsdefizit von maximal drei Prozent des BIP und bis 2007 die Vorgaben für die Gesamtverschuldung von höchstens 60 Prozent des BIP erfüllen“, verspricht Minister Babacan.

Die pünktliche Bedienung der Staatsschulden scheint gesichert, seit sich die Türkei Mitte Dezember mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) auf ein weiteres Beistandsabkommen einigte. In den kommenden drei Jahren wird der Fonds, der dem Land nach der schweren Krise von 2001 bereits mit Krediten in Höhe von 19 Mrd. Dollar half, Darlehen von weiteren zehn Mrd. bereitstellen. Die Gewährung der Gelder ist an strikte Vorgaben geknüpft: Der IWF verlangt von Ankara Haushaltsdisziplin sowie weitere Reformen im Bankensektor, der Finanzverwaltung und bei der Sozialversicherung.

Zusammen mit der vom Europäischen Rat im Dezember bestätigten EU-Beitrittsperspektive gilt das neue IWF-Abkommen den Analysten als wichtiger Garant einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung. Das könnte nicht zuletzt die ausländischen Investitionen ankurbeln. „Die fortgesetzte innenpolitische Stabilität und die Doppelanker EU und IWF dürften 2005 die sich abschwächende Binnennachfrage ausgleichen“, meint Yarkin Cebeci, Analyst bei JP Morgan.

Gefördert werden dürfte der Zustrom ausländischer Gelder vor allem durch anstehende große Privatisierungsvorhaben. So rechnet das Institute of International Finance (IIF) damit, dass die Türkei in diesem Jahr ausländische Direktinvestitionen von 3,8 Mrd. Dollar anziehen wird, nach rund zwei Mrd. im Jahr 2004.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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