Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro
„Die Schockwellen kommen immer schneller“

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro berichtet im Handelsblatt-Interview über „außerordentliche Mittel“ in „außerordentlichen Zeiten“. Sie erklärt, wer der beste Adressat für eine internationale Bankenaufsicht ist, warum das Konjunkturprogramm der Bundesregierung mehr schaden als nutzen wird und warum das deutsche Bankensystem dringender als je zuvor reformiert werden sollte.

Handelsblatt: Heute übergeben Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie jeden November, Ihr Jahresgutachten. Wie beurteilen die Wirtschaftsweisen das Krisenmanagement der Regierung?

Beatrice Weder di Mauro: Wir können der Regierung gute Noten ausstellen – zumindest, was das Finanzstabilisierungspaket angeht. Seit dem 15. September, der Insolvenz von Lehman Brothers, hat die Finanzkrise eine neue Dimension erreicht: Sie wurde zu einer systemischen Krise weit über die USA hinaus. Diese Not haben der deutsche und auch andere europäische Staaten rechtzeitig erkannt und entschieden gehandelt, nicht gekleckert.

Sind die Maßnahmen denn ausreichend?

Sie waren ein wichtiger Schritt zur Krisenbewältigung. Nun müssen aber Schritte auf der internationalen Ebene zur Prävention von zukünftigen Krisen folgen. Erstens benötigen wir ein Risikofrühwarnsystem, in das sowohl makroökonomische Daten wie auch solche von systemisch relevanten Finanzinstituten einfließen. Zweitens muss es eine Aufsicht über die Aufsicht geben, die dafür sorgt, dass sich die Regeln mindestens europaweit wettbewerbsneutral umgesetzt werden. Wünschenswert wäre zudem, dass die Regulierungskompetenz für international tätige Institute an eine zentrale Institution übertragen und ein Risikomanagementsystem für den Fall von länderübergreifenden systemischen Krisen aufgebaut wird.

Gibt es jetzt schon Wettbewerbsnachteile für Banken, die keine staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen?

Das Problem ist derzeit, dass die nationalen Rettungspakete nicht abgestimmt sind, es fehlen einheitliche Konditionen. Das birgt die Gefahr eines Subventionswettbewerbs.

Wer könnte als internationale Institution die Banken beaufsichtigen, der IWF?

Tatsächlich ist der IWF der beste Adressat für diese Aufgaben, weil er schon eine globale Institution ist und einige Aufsichtsaufgaben bereits hat. Aber letztlich ist es zweitrangig, welche Institution ausgebaut wird – entscheidend ist, dass sich die Staaten dazu durchringen, nationale Kompetenzen auf die supranationale Ebene abzutreten.

Fürchten Sie, dass der Staat gefallen am Eingreifen findet und eine Protektionismuswelle droht?

Zunehmender Protektionismus ist eine akute Gefahr. Wenn sich die Staaten nicht zu einem international abgestimmten Verhalten durchringen können, werden sie in ihre nationalen Verhaltensmuster zurückfallen. Die Globalisierung könnte zurückgedreht werden.

Soll man den Banken, die staatliche Hilfen nehmen, auch Vorgaben machen für die Kreditvergabe?

Nein, es wäre falsch, wenn der Staat versuchen würde, ins operative Geschäft einzugreifen. Die Erfahrungen mit staatlich gelenkter Kreditvergabe sind meistens verheerend gewesen. Es muss nicht zu einer Kreditklemme kommen. Die Banken werden zwar ihre Bilanzsummen reduzieren, aber das muss nicht zwangsläufig auf Kosten der inländischen Kreditvergabe gehen.

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