Wirtschaftsweiser Feld
„Typisches Lamentieren“

Thilo Sarrazin scheut in seinem neuen Buch steile Thesen nicht. Er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der letzten beiden Jahre. Hat er recht mit seiner Kritik? Nein.
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FreiburgEr hat es wieder getan. Dieses Mal schreibt Thilo Sarrazin gegen die seines Erachtens unsinnige Rettungspolitik in der Euro-Zone an. Und erneut scheut er steile Thesen nicht. Weder Deutschland noch der Rest der Euro-Zone hätten vom Euro profitiert. Daher sei er für die europäische Integration nicht zwingend erforderlich. Den Euro deswegen gleich abschaffen will Sarrazin zwar nicht. Aber er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der vergangenen beiden Jahre.

Trotz der im Buch enthaltenen Provokationen empfiehlt es sich, in der Auseinandersetzung mit einer solch kenntnisreichen Analyse, wie Sarrazin sie hier vorlegt, sachlich und nüchtern zu bleiben und die vorgebrachten Argumente in Ruhe zu wägen. Dabei müssen zwei zentrale Fragen beantwortet werden: Ist Sarrazins Analyse der verfehlten Rettungspolitik und der ökonomischen Sinnhaftigkeit der Europäischen Währungsunion richtig? Welche alternativen Lösungswege zeigt Thilo Sarrazin auf?

Sarrazins Argumente und empirische Belege können leider nicht überzeugen. Dies gilt für die Behauptung, Deutschland habe vom Euro nicht profitiert und die hochverschuldeten Länder hätten sogar Nachteile. Aus der schlichten Betrachtung der Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts, der Beschäftigungsentwicklung und der Entwicklung des Außenhandels leitet Sarrazin ab, Europa brauche den Euro nicht. Eine echte empirische Untersuchung müsste hingegen die anderen Einflussfaktoren dieser Größen berücksichtigen.

Es wäre falsch, das mäßige Wirtschaftswachstum in Deutschland in der letzten Dekade dem Euro anzukreiden. Deutschland war der "kranke Mann Europas" wegen einer über Jahrzehnte andauernden falschen Arbeitsmarktpolitik. Nach deren Korrektur steht Deutschland wieder besser da. Umfassende empirische Analysen stellen hingegen statistisch signifikante und ökonomisch bedeutsame Effekte von Währungsunionen auf den Außenhandel der beteiligten Länder fest, wenngleich die geschätzte Größenordnung des Effekts hinter den Hoffnungen der Europäischen Kommission zurückbleibt.

Die entscheidende Frage für die Bedeutung des Euros stellt Sarrazin erst gar nicht: Was würde Deutschland der Austritt aus der Euro-Zone, das Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion kosten? Die fortgeschrittene Integration seit der Entstehung der Währungsunion bringt es mit sich, dass eine Vielzahl von Verträgen in Euro denominiert und lang- oder mittelfristig abgeschlossen ist. Diese Verträge gerieten bei einem Zusammenbruch der Euro-Zone in einen Schwebezustand.

Es wäre unklar, in welcher Währung und mit welchen Wechselkursen sie abzuwickeln wären. Es entstünden erhebliche Kosten gerade für den Mittelstand, die nicht selten zu Pleiten führten. Ähnliches lässt sich zu den Aufwertungsrisiken für die deutsche Wirtschaft sagen. Ein allmählicher Aufwertungsdruck, wie ihn die Schweiz über Jahrzehnte erlebt hat, verkraftet die Exportwirtschaft, abrupte Aufwertungen mit massivem Überschießen, wie in der Schweiz im vergangenen Jahr, sind jedoch so desaströs, dass selbst die vorsichtigen Eidgenossen ihren Franken an den Euro banden.

Was die Schweiz im vergangenen Jahr erlebt hat, stünde der deutschen Exportwirtschaft ohne den Euro sogar in stärkerem Maße bevor. Es ist also nicht die Verpflichtung Deutschlands, seine internationalen Vertragsverpflichtungen einzuhalten, weswegen die Bundesregierung nicht aus der Euro-Zone austreten sollte. Es wäre schlicht zu teuer - und es wäre teurer als die bisherige Rettungspolitik.

Kommentare zu " Wirtschaftsweiser Feld: „Typisches Lamentieren“"

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  • Sehr geehrter Herr Wirtschaftsweiser Prof. Feld, nachdem ich keine Antwort bekommen habe, gehe ich davon aus, dass Sie im Rahmen der Thematik Scheiteren des Euro, Scheitern durch Schuldenkrise usw. vollkommen blank gezogen haben.
    Ich verdonnere Sie hiermit zum Nachsitzen: Lesen Sie meine Dissertation "Das säkulare Wachstum der Staatsausgaben", Vandenhoek und Rupprecht 1988. Sie lernen dann das analytische Handwerkszeug um treffsichere Prognosen stellen zu können.

  • Ihre Meinung, wonach Prof. Feld zeigt, dass Wirtschaftswissenschaftler allenfalls wirtschaftliche Zustände analysieren können ist grundfalsch. Den Zustand der Währungsunion hat wohl kaum einer richtig analysiert, sieht man von Hankel, Starbatty und einigen wenigen ab. Wer sich zu Wort melden könnte, sind die Mahner dieses Irrweges. im Grunde müsste Fels die Klappe halten. Der Chef der Schweizer Nationalbank hat zum Thema Gemeinschaftswährung seine Dissertation geschrieben. Dreimal darf man raten was d´rinsteht. Genau das, was Feld nie im Blickfeld hatte. So einfach ist das mit den Wirtschaftswissenschaftlern. Man darf sie nicht über einen Kamm scheren. Es gibt immer ein paar wenige Gute.

  • Es wird langsam Zeit, unseren Politikern klar zu machen, dass die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger keine Transferunion will. Wer ein Zeichen setzen möchte, könnte elektronisch diese Petition zeichnen: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24314

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