Wirtschaftsweiser Feld „Typisches Lamentieren“

Thilo Sarrazin scheut in seinem neuen Buch steile Thesen nicht. Er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der letzten beiden Jahre. Hat er recht mit seiner Kritik? Nein.
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Der Wirtschaftsweise Lars Feld. Quelle: PR

Der Wirtschaftsweise Lars Feld.

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FreiburgEr hat es wieder getan. Dieses Mal schreibt Thilo Sarrazin gegen die seines Erachtens unsinnige Rettungspolitik in der Euro-Zone an. Und erneut scheut er steile Thesen nicht. Weder Deutschland noch der Rest der Euro-Zone hätten vom Euro profitiert. Daher sei er für die europäische Integration nicht zwingend erforderlich. Den Euro deswegen gleich abschaffen will Sarrazin zwar nicht. Aber er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der vergangenen beiden Jahre.

Trotz der im Buch enthaltenen Provokationen empfiehlt es sich, in der Auseinandersetzung mit einer solch kenntnisreichen Analyse, wie Sarrazin sie hier vorlegt, sachlich und nüchtern zu bleiben und die vorgebrachten Argumente in Ruhe zu wägen. Dabei müssen zwei zentrale Fragen beantwortet werden: Ist Sarrazins Analyse der verfehlten Rettungspolitik und der ökonomischen Sinnhaftigkeit der Europäischen Währungsunion richtig? Welche alternativen Lösungswege zeigt Thilo Sarrazin auf?

Sarrazins Argumente und empirische Belege können leider nicht überzeugen. Dies gilt für die Behauptung, Deutschland habe vom Euro nicht profitiert und die hochverschuldeten Länder hätten sogar Nachteile. Aus der schlichten Betrachtung der Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts, der Beschäftigungsentwicklung und der Entwicklung des Außenhandels leitet Sarrazin ab, Europa brauche den Euro nicht. Eine echte empirische Untersuchung müsste hingegen die anderen Einflussfaktoren dieser Größen berücksichtigen.

Es wäre falsch, das mäßige Wirtschaftswachstum in Deutschland in der letzten Dekade dem Euro anzukreiden. Deutschland war der "kranke Mann Europas" wegen einer über Jahrzehnte andauernden falschen Arbeitsmarktpolitik. Nach deren Korrektur steht Deutschland wieder besser da. Umfassende empirische Analysen stellen hingegen statistisch signifikante und ökonomisch bedeutsame Effekte von Währungsunionen auf den Außenhandel der beteiligten Länder fest, wenngleich die geschätzte Größenordnung des Effekts hinter den Hoffnungen der Europäischen Kommission zurückbleibt.

Die entscheidende Frage für die Bedeutung des Euros stellt Sarrazin erst gar nicht: Was würde Deutschland der Austritt aus der Euro-Zone, das Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion kosten? Die fortgeschrittene Integration seit der Entstehung der Währungsunion bringt es mit sich, dass eine Vielzahl von Verträgen in Euro denominiert und lang- oder mittelfristig abgeschlossen ist. Diese Verträge gerieten bei einem Zusammenbruch der Euro-Zone in einen Schwebezustand.

Es wäre unklar, in welcher Währung und mit welchen Wechselkursen sie abzuwickeln wären. Es entstünden erhebliche Kosten gerade für den Mittelstand, die nicht selten zu Pleiten führten. Ähnliches lässt sich zu den Aufwertungsrisiken für die deutsche Wirtschaft sagen. Ein allmählicher Aufwertungsdruck, wie ihn die Schweiz über Jahrzehnte erlebt hat, verkraftet die Exportwirtschaft, abrupte Aufwertungen mit massivem Überschießen, wie in der Schweiz im vergangenen Jahr, sind jedoch so desaströs, dass selbst die vorsichtigen Eidgenossen ihren Franken an den Euro banden.

Was die Schweiz im vergangenen Jahr erlebt hat, stünde der deutschen Exportwirtschaft ohne den Euro sogar in stärkerem Maße bevor. Es ist also nicht die Verpflichtung Deutschlands, seine internationalen Vertragsverpflichtungen einzuhalten, weswegen die Bundesregierung nicht aus der Euro-Zone austreten sollte. Es wäre schlicht zu teuer - und es wäre teurer als die bisherige Rettungspolitik.

Sarrazin geißelt Staatsfinanzierung durch die Europäische Zentralbank
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12 Kommentare zu "Wirtschaftsweiser Feld: „Typisches Lamentieren“"

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  • Sehr geehrter Herr Wirtschaftsweiser Prof. Feld, nachdem ich keine Antwort bekommen habe, gehe ich davon aus, dass Sie im Rahmen der Thematik Scheiteren des Euro, Scheitern durch Schuldenkrise usw. vollkommen blank gezogen haben.
    Ich verdonnere Sie hiermit zum Nachsitzen: Lesen Sie meine Dissertation "Das säkulare Wachstum der Staatsausgaben", Vandenhoek und Rupprecht 1988. Sie lernen dann das analytische Handwerkszeug um treffsichere Prognosen stellen zu können.

  • Ihre Meinung, wonach Prof. Feld zeigt, dass Wirtschaftswissenschaftler allenfalls wirtschaftliche Zustände analysieren können ist grundfalsch. Den Zustand der Währungsunion hat wohl kaum einer richtig analysiert, sieht man von Hankel, Starbatty und einigen wenigen ab. Wer sich zu Wort melden könnte, sind die Mahner dieses Irrweges. im Grunde müsste Fels die Klappe halten. Der Chef der Schweizer Nationalbank hat zum Thema Gemeinschaftswährung seine Dissertation geschrieben. Dreimal darf man raten was d´rinsteht. Genau das, was Feld nie im Blickfeld hatte. So einfach ist das mit den Wirtschaftswissenschaftlern. Man darf sie nicht über einen Kamm scheren. Es gibt immer ein paar wenige Gute.

  • Es wird langsam Zeit, unseren Politikern klar zu machen, dass die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger keine Transferunion will. Wer ein Zeichen setzen möchte, könnte elektronisch diese Petition zeichnen: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24314

  • Der Kommentar von Feld zeigt, dass Wirtschaftswissenschaftler allenfalls wirtschaftliche Zustände analysieren und in Modellen abbilden können, für Lösungen von Problemen, die aus eben diesen marktwirtschaftlichen Funktionalitäten entstehen, nachweislich, wertlose Vorschläge machen, die das Problem nicht lösen können. Ein Tilgungsfonds unterstellt, dass alle EURO Staaten einen Anreiz haben, sich an gemeinsame Vereinbarungen einzuhalten, in dem Fall, Beiträge zum Tilgungsfonds zu leisten. Dieser Anreiz ist nicht nachgewiesen. Ausserdem fokussiert sich dieser Vorschlag nur auf ein Problem, dass nicht das eigentliche Problem der EURO Union darstellt. Nämlich die wirtschaftlich divergente Entwicklung unterschiedlich leistungsfähiger Volkswirtschaften in einer Währungsunion.
    Wenn man die hohen Kosten eines Austritts aus der Währungsunion thematisiert, sollte man auch offen die Kosten ansprechen, die uns entstehen werden, wenn es zu einer Transferunion kommen wird, die dann die verbleibende Alternative ist. Ohne eine politische Union konvergiert dies mit absoluter Sicherheit in eine kollektive Zahlungsunfähigkeit aller EURO Staaten. Dafür gibt es im Gegensatz zur These des Tilgungsfonds sichere Anreize für eine ungehemmte, weitere Verschuldung der wirtschaftlich schwächeren Staaten, die im Laufe Zeit eine immer höhere Anzahl von Staaten als Leidensgenossen begrüssen dürfen.

  • @Lars Feld: Wenn D und der gesamte Euro-Raum so profitiert hat, wer hat denn dann verloren?
    Und bedenken Sie bitte, dass der Film noch nicht zu Ende ist. Sie zählen leider nur die möglichen Auswirkungen bei Austritt auf - diese (falls zutreffend) legen Sie bitte mal auf die Waage.... und wenn Sie mit Ihrer Analyse fertig sind, melden Sie sich bitte nochmal.
    (zugegebenemaßen können wir zwischenzeitlich wirklich zwischen Pest und Lungenentzündung entscheiden).

  • Der Vorschlag des Sachverständigenrates krankt am gleichen Problem wie Eurobonds. Deutschland muss wenn auch nur zeitweise für Billionen fremder Schulden haften. In dieser Zeit sind wir erpressbar, mit oder ohne Volksabstimmung.

    Besser wäre daher, man würde eine Versicherung auf Gegenseitigkeit gründen, und das Kapital auf 20% der eigenen dadurch abzusichernden Schuldenlast beschränken. Daneben müsste jeder Staat seine eigenen Schulden mit weiteren 20% Währungsreserven besichern. Die Käufer der abzusichernden Anleihen könnten dann eine Police abschließen, deren Kosten je nach Höhe der staatlichen Gesamtschuld unterschiedlich hoch ausfallen würde. Im Durschnitt etwa 2% p. a. Mit den gesammelten Policen würden sukzessive die Haftungsrisiken der Staaten ersetzt, die ihre Schulden zurückführen.

  • Richtig Birnbaum. Feld hat nur einen faulen Apfel!

  • Ich finde auch, es ist eher der Wirtschaftsweise der hier "lahm"entiert.
    Als Unweiser habe ich inzwischen gelernt, dass unterschiedliche
    Währungen ein ideales Mittel sind die Produktivität unterschiedlicher Volkswirtschaften konfliktfrei und automatisiert auszugleichen. Alles andere führt dazu, dass die wirtschaftlich schwächeren Länder auf Dauer finanziert werden müssen oder diese ihre Sozialstandards, Löhne usw. laufend selbstständig anpassen müssen. Ob das realistisch ist ?

  • Der Kommentator überzeugt mich nicht. Erstens ist es mit Mitgliedern des deutschen Sachverständigenrates eine solche Sache. Die aufziehenden Krisen der letzten Jahrzehnte haben sie stets erheblichst unterschätzt. Wahrscheinlich trifft dies auch auf die sich immer mehr verstärkende Euro-Krise wieder zu. In diesem Zusammenhang darf auch darauf hingewiesen werden, dass Mitglieder des Sachverständigenrates tendenziell eher staatstragende Mitläufer als unabhängige Querdenker wie Sarrazin sind. Zweitens trägt die ganze Eurokrise soviel Hass zwischen den Völkern in die EU hinein, dass die europäische Integration leidet. Drittens stellt sich die Frage, wie eine Währungsunion aufrechtzuerhalten ist, bei der Griechen und Italiener noch nicht einmal resolut genug sind die Steuern bei den Besserverdienenden einzutreiben.Viertens haben insbesondere die Südländer der EU von einer abwertbaren eigenen Nationalwährung in der Vergangenheit durchaus erheblich profitiert. Warum sollten sie sie nicht zurückerhalten? Fünftens haben die sogenannte Arbeitsmarktreformen, die der Kommentator lobt, die Einkommensunterschiede in Deutschland nur verschärft. Der Euro hat sich nur für ganz wenige, nämlich die oberen Schichten, gelohnt. Die anderen haben drauf gezahlt. Im Rest Europas läuft es ähnlich ab. Lügen wir uns nichts vor. Der Euro war eine frühzeitig über das Knie gebrochene Missgeburt, die menschlich, ökononomisch und psychologisch den Völkern Europas nur schadet. Weg damit!

  • Warum kein Vorschlag von Sarrazin? Weil auch er nicht weiß, wie es weitergehen kann.
    Der Sachverständigenrat kommt nach Jahren mit eine "temporären (sic) Vergemeinschaftung" der Schulden um die Ecke. Bravo!
    Wo wir doch alle wissen, dass im Eurokraten-Neusprech alle semantischen Dämme gebrochen sind:
    3% bedeutet 9%
    60% bedeutet 180%
    Stabiliät bedeutet Wachstums-Blütenträume
    Bürgschaften bedeutet verlorene Zuschüsse
    Demokratie bedeutet Technokraten-Diktatur
    usw.
    Und nicht zuletzt bedeutet "temporär" nichts anderes als "permanent".
    Denn wo gab es denn auch nur ein einzigen Beispiel, wo sich der Staat nach Jahren der Alimentierung der Wirtschaft erfolgreich zurückgezogen hat?
    Ich ziehe Sarrazins Nichtvorschläge den unausgegorenen Vorschlägen einiger sog. Wirschaftsweiser (ist heutzutage auch ein Lacher) vor, die nichts mit der Realität zu tun haben und sowieso unter die Räder der europäischen Sachzwänge geraten und so wiedereinmal in ihr Gegenteil verkehrt werden.
    Wo wir wieder beim Euro sind: Erdacht, um Wohlstand und Frieden zu schaffen, schafft er in der Realität Zwietracht und Massenarmut in Europa.
    P.S. Das völlig sachfremde Totschlagargument "typisch deutsches Wasauchimmer" ist einer Einlassung nicht würdig.

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