Wirtschaftsweiser Schmidt
„Diesen Diskurs werden wir nicht mehr los“

Mitten in der Krise diskutieren Europas Ökonomen über einen neuen Wohlstandsindikator. Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht das Maß aller Dinge, darin besteht Einigkeit. Aber, gibt es ein besseres? Im Auftrag der deutschen und der französischen Regierung haben die deutschen und französischen Sachverständigenräte diese Frage analysiert.
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Handelsblatt: Herr Prof. Schmidt, haben die Wirtschaftsweisen derzeit, inmitten der Euroschuldenkrise, keine anderen Sorgen, als einen neuen Wohlstandsindikator zu entwerfen?

Schmidt: Oh, diese Aufgabe ist überaus wichtig – Sie unterschätzen die Bedeutung der dahintersteckenden Idee. Und gerade jetzt ist die Chance, mit Vorschlägen zu neuen ökonomischen Methoden gehört zu werden und alte Denkmuster zu hinterfragen, größer als sonst. Den Auftrag haben uns Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Sarkozy wahrscheinlich auch deswegen trotz der Krise gegeben, weil sie wissen, dass wir in unseren Jahresgutachten ohnehin auf die aktuell wichtigen Fragen eingehen.

Waren und sind wir denn auf dem Holzweg, wenn wir uns am Bruttoinlandsprodukt orientieren?

Schmidt: Nein, wir kommen ganz klar zu dem Schluss, dass wir auch weiterhin diese Größe, das BIP, brauchen, um die Wirtschaftsleistung der Länder messen und international vergleichen zu können. Einen „Happiness-Indikator“ oder dergleichen kann und wird es auch künftig nicht geben.

Nicht? Sie haben doch gerade die Bedeutung der Studie betont?

Schmidt: Das ist kein Widerspruch. Das BIP ist nach wie vor eine aussagekräftige Größe, wenn man seine Grenzen kennt. Es ist beispielsweise dafür geeignet, über die Notwendigkeit von Konjunkturpaketen oder Sparmaßnahmen zu entscheiden. Die Messung der Lebensqualität der Menschen kann es dagegen nicht leisten. Dafür ist sie viel zu komplex und viel zu subjektiv. Was dem einen viel bedeutet, ist dem anderen gar nichts wert. Wir schlagen daher ein ganzes Bündel von Indikatoren als Ergänzung vor, das sich relativ rasch und pragmatisch umsetzen lässt.

Wer Politikern und der Öffentlichkeit keine Zahl, kein Maß bieten kann, sondern ein erklärungsbedürftiges Indikatorenbündel, läuft große Gefahr, nicht gehört zu werden. Spricht irgendetwas dafür, dass Ihr Vorschlag dennoch umgesetzt wird und wir in ein paar Jahren Wohlstand international vergleichen werden?

Schmidt: Beides ja. Ja, sie haben recht, wer keine Patentlösung bietet, verspielt Aufmerksamkeit. Aber das darf kein Argument sein. Eine einzige Zahl zu entwerfen, wäre unlauter – weil es schlicht nicht geht. Aber dennoch sind wir sehr sicher, dass wir mit unserer Expertise eine Diskussion weitertreiben werden. Politiker und Wissenschaftler sind sich längst einig, dass das BIP ergänzt werden muss, um den Wohlstand besser messen und vergleichen zu können. Diesen Diskurs werden wir nicht mehr los.

Erwarten Sie, dass in fünf Jahren zusätzlich zu BIP-Veröffentlichungen und Prognosen Zahlen über Wohlstand von Wissenschaftlern angeboten und von Regierungen nachgefragt werden?

Schmidt: Ob das in fünf Jahren und ob das einmal jährlich sein wird, wage ich nicht zu prognostizieren. Aber ich bin sehr optimistisch, dass wir uns mit unserer Idee durchsetzen, ein Indikatorenbündel zu definieren und damit Wohlstand länderübergreifend vergleichbarer zu machen. Wir alle müssen uns aber über eines im Klaren sein: Je mehr wir uns vom BIP wegbewegen, desto mehr Grundannahmen müssen wir treffen, desto haariger wird der Vergleich und desto schwieriger ist die Interpretation.

Kommentare zu " Wirtschaftsweiser Schmidt: „Diesen Diskurs werden wir nicht mehr los“"

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  • seit der Globalisierung gilt das Prinzip der kommunizierenden Röhren.
    Der Wohlstand soll sich in der ganzen Welt angleichen, Das bedeutet das wir uns etwas einschenken werden müssen. Dafür werden die asiatische und südamerikanische und hoffentlich afrikanische Länder mehr vom Weltkuchen abbekommen!
    Eine Diät wäre gerade für Deutschland und manche andere industrieländer sowieso angebracht.

  • Die Kaufkraft (Wachstum Geldmenge – biP + Verbraucherpreise) sinkt seit 2000 im Schnitt um 8,3 Prozent pro Jahr.
    Erster % Wert = Kaufkraftverlust pro Jahr, zweiter % Wert = tatsächl. inflation
    2002: 8,4% - 7,1%
    2003: 8,1% - 7,1%
    2004: 6,7% - 4,9%
    2005: 8,6% - 6,7%
    2006: 8,4% - 6,6%
    2007: 11,0% - 8,7%
    2008: 10,9% - 8,1%
    2009: 3,9% - 3,5%
    Quelle: Deutsche bundesbank / SJb FondsSkyline

  • So werden ganze Länder betrogen!
    Auf dem Papier schöngerechnet, Vertrag unterschrieben,
    in die Schuldenfalle gefallen, so funktioniert der Kapitalismus. Verkaufe Scheiße und rechne einem auf dem Papier aus das sich dises Geschäft lohnt. Schon ist der Vertrag unterschrieben. Die Menschen denken, weil etwas geschrieben ist stimmt es auch!
    So ist die bibel und alles was geschrieben steht!

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