Wohin Deutschland steuert
„Breites Band an Unsicherheiten“

Die Finanzkrise stürzt nicht nur die Märkte ins Chaos: Volkswirte rätseln, ob Deutschland sich dem Abwärtsstrudel entziehen kann. 1,3 Prozent oder doch 2,1 Wachstum? Wie groß die Unsicherheit der Fachleute ist, lässt sich an der Diskrepanz ihrer Konjunkturprognosen ablesen. Und diese Uneinigkeit bleibt nicht ohne Konsequenzen.

FRANKFURT. "Ein bisschen Vorsicht" würde "vielleicht den Wirtschaftsforschungsinstituten ganz gut tun" - derart deutliche Worte fand keine geringere als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Herbst 2006. Erhebliche Schwankungen zwischen diversen Wachstumsprognosen hatten damals den Unmut der Regierungschefin ausgelöst. Ihren Anforderungen zu genügen, ist für die Wirtschaftsforschungsinstitute zuletzt keineswegs einfacher geworden.

Die halbjährliche Gemeinschaftsdiagnose, die sie kommenden Donnerstag der Bundesregierung inklusive Wachstumsprognose übergeben werden, entsteht unter erschwerten Bedingungen: Weltweit rätseln Volkswirte über die Auswirkungen der internationalen Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft.

Wie groß die Unsicherheit der Fachleute ist, lässt sich an der Diskrepanz ihrer Konjunkturprognosen ablesen: Für Deutschland etwa reichen die Schätzungen für das Wirtschaftswachstum in 2008 von 1,3 Prozent, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sowie das Hamburgische Weltwirtschafts-Institut (HWWI) vorhersehen, bis zu 2,1 Prozent, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet.

Für 2009 weichen die Prognosen noch deutlicher voneinander ab: Gestern gab die Allianz/Dresdner Bank bekannt, dass sie einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,2 Prozent erwarten, während der Internationale Währungsfonds nur mit einem Prozent rechnet.

Verantwortlich für das große Prognosespektrum macht der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater, insbesondere die Unsicherheiten über die Auswirkungen der Finanzmarktkrise: "Ein solches Extremereignis ist geprägt von institutionellen Besonderheiten", sagte er gestern auf einem Symposium der Herbert Giersch Stiftung in Frankfurt - das bezeichnender Weise unter dem Titel "Konjunktur und Wachstum in Zeiten neuer Unsicherheiten" stand. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten zwar einige Bankenkrisen gegeben - aber keine lasse sich mit einer anderen vergleichen, so Kater. "Die Besonderheit der derzeitigen Krise sind die Rahmenbedingungen, auf die sie trifft", argumentierte er und zählte auf: Die Weltkonjunktur entwickle sich stark, die Zentralbanken entschieden früh und extrem und die Unternehmen seien deutlich weniger als in früheren Krisen auf Fremdfinanzierung angewiesen. "Wie mildernd dies alles wirkt, lässt sich schwer einschätzen."

Trotz dieses "breiten Bandes an Unsicherheiten", erkennt Willy Friedmann, Leiter des Bundesbankzentralbereiches Volkswirtschaft aber eine Gemeinsamkeit aller Prognosen für die deutsche Wirtschaft: "Sie erwarten eine Abschwächung des Wachstumstempos, aber keine Konjunkturzäsur", sagte der Bundesbankvolkswirt gestern. Die Bundesbank selbst rechnet mit einem BIP-Zuwachs um rund 1,5 Prozent in diesem Jahr.

Welch unterschiedliche Szenarien hinter den diversen Zahlen stehen, zeigen exemplarisch die Konjunkturprognosen der Dresdner Bank/Allianz (1,8 Prozent) sowie des gewerkschaftsnahen IMK (1,3 Prozent) für 2008. "Angesichts guter Arbeitsmarktdaten und steigender Löhne dürfte nach Jahren der Lethargie der private Verbrauch in 2008 deutliche Impulse geben", argumentierte Bankchefvolkwirt Michael Heise. "Entgegen den Erwartungen vieler wird der Konsum aufgrund der immer noch schwachen Reallohntendenz und des schwächer werdenden Arbeitsplatzaufbaus die Konjunktur nur wenig stützen", hatte dagegen das Wirtschaftsforschungsinstitut IMK im März zu Begründung seiner Prognose geschrieben.

Auch die Rolle des Außenhandels, schätzen die Volkswirte völlig unterschiedlich ein: Während Heise erwartet, dass die Wachstumsimpulse des Außenhandels "in den nächsten Monaten angesichts der Stärke des Euro und der weniger dynamischen Weltwirtschaft deutlich nachlassen" werden, traut das IMK dem Außenbeitrag "abermals einen bedeutenden Wachstumsimpuls" zu. Die Exporte würden zwar weniger schwungvoll zunehmen als in den letzten Jahren, aber die Importe würden infolge der schwachen Inlandsnachfrage beachtlich an Triebkraft verlieren.

Diese Uneinigkeit löst Verärgerung aus: "Es gibt keine Orientierung", hatte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) immer wieder über den großen Korridor der Wachstumseinschätzungen geklagt. Die Prognose, die Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kommende Woche in Empfang nehmen wird, dürfte mit noch größerer Unsicherheit behaftet sein: Die Bundesregierung hat erstmals eine Mittelfristprognose bis 2012 bestellt.

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