Zehn Jahre Asienkrise
Auf die Flucht folgt eine Flut

Vor zehn Jahren kapitulierte Thailand vor Währungsspekulanten und löste den Baht vom US-Dollar. Dieses Ereignis markiert den „offiziellen“ Auftakt der Asienkrise. Eine Kettenreaktion folgte, die weltweit Devisenreserven vernichtete und Volkswirtschaften in tiefe Rezessionen stürzte.

SINGAPUR. Wie beim Domino erreichte die Krise Indonesien und Südkorea, dann die Philippinen und Malaysia, ein wenig später Singapur und Hongkong. China kam mit einem Kratzer davon – dank strikter Devisenkontrollen und seiner damals noch viel geringerer Integration in die Weltwirtschaft.

Im Rest der Region verdampften Devisenreserven über Nacht, Volkswirtschaften stürzten in tiefe Rezessionen, Währungen sackten ab, Banken und Konglomerate kollabierten. Erschüttert wurde auch die soziale und politische Ordnung: In Indonesien fegten die Turbulenzen eine drei Jahrzehnte alte Diktatur fort; dort und in Malaysia fielen Millionen Menschen in Armut. Viele von ihnen suchten und fanden die Nähe zum islamischen Fundamentalismus.

Ausgeträumt schien der Traum von einem „asiatischen Jahrhundert“ aber nur kurz. Neue „Tigerstaaten“ sind erwacht – etwa Vietnam und Indien. Hongkong, Singapur und Südkorea sind fulminant zurückgekehrt. Insgesamt ist Asien mit Wachstumsraten von rund acht Prozent pro Jahr wieder die mit Abstand dynamischste Region der Welt. „Das Comeback der Wirtschaftskraft war spektakulär“, sagt James Riady, Chef der 1997 arg gebeutelten indonesischen Lippo-Gruppe. Das Bruttoinlandsprodukt liegt in Ost-Asien ohne Japan heute doppelt so hoch wie vor der Krise. In der selben Zeit sank die Zahl der Armen laut Weltbank von 50 auf 29 Prozent.

„Unsere Region genießt heute eine viel stärkere Widerstandskraft als 1997, ihr Aufschwung dürfte sich auf Jahre fortsetzen“, verkündete Singapurs Premier Lee Hsien Loong vorige Woche beim Asien-Treffen des World Economic Forums und traf damit die vorherrschende Meinung. Schließlich hätten die meisten Länder einschneidende Reformen hinter sich; hinzu käme die stark gewachsene Bedeutung Chinas und Indiens für die Weltmärkte.

Die Ex-Krisenländer müssen sich zwar laut Weltbank heute mit Zuwachsraten zufrieden geben, die im Schnitt zwei Prozentpunkte unter denen vor 1997 liegen. Allerdings stehen sie auf einem viel solideren makroökonomischen Fundament: Budgetlöcher sind gestopft und die Inflation ist unter Kontrolle. Die Banken wurden mit insgesamt 500 Mrd. Dollar öffentlichen Geldern gepäppelt, hat Standard & Poor's errechnet. Der Verschuldungsgrad asiatischer Unternehmen entspricht wieder dem von Rivalen in Industriestaaten. Außer Chinas Yuan ist fast keine Währung mehr an den Dollar gebunden, Leistungsbilanzen weisen Rekordüberschüsse auf, Zentralbanken agieren unabhängiger. Zwischenzeitliche Schocks – wie die Lungenkrankheit Sars – haben die Region nur kurzfristig gebremst.

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