Zentralbank überrascht Märkte mit einer neuen Einschätzung zur Konjunkturlage
Zinswende rückt in Europa in die Ferne

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht Risiken für den Aufschwung im Euro-Raum und hat deshalb angedeutet, dass sie die Zinsen doch nicht so bald erhöhen wird wie erwartet.

HB BRÜSSEL. EZB-Präsident Jean- Claude Trichet sagte gestern im Anschluss an die Sitzung des EZB-Rats in Brüssel, „dass jüngst etwas Unsicherheit bezüglich der erwarteten Zunahme der Aktivität aufgekommen ist.” Im Klartext heißt dies: Der EZB-Rat ist sich nicht mehr sicher, dass die Konjunkturerholung so fort schreiten wird wie erhofft. Eine Zinserhöhung könnte die Erholung deshalb zu stark bremsen. Gestern änderte der EZB-Rat den Leitzins von zwei Prozent nicht. Auch die britische Notenbank Bank of England beließ ihren Leitzins gestern bei 4,75 Prozent.

Erst vor einem Monat hatte der EZB-Rat ein besonders optimistisches Bild der Konjunkturaussichten gezeichnet und gleichzeitig Inflationsrisiken besonders betont. Dies war von Beobachtern so interpretiert worden, dass die EZB die Märkte auf eine Zinswende nach oben vorbereitet. Das hatte bei vielen Beobachtern auch Befremden ausgelöst, weil die Indikatoren auf ein schwaches Wirtschaftsvertrauen hinweisen. Zwar hatten die meisten Volkswirte in den nächsten drei Monaten noch nicht mit einer Zinserhöhung gerechnet, doch war das September-Statement als klares Signal verstanden worden, dass die Zinswende nicht mehr allzu lange Zeit auf sich warten lassen werde. Dieses Signal hat der Rat gestern offenbar zurückgenommen.

„Bis auf weiteres scheint die EZB sich nicht näher an eine Zinserhöhung heranbewegen zu wollen. Sie nimmt wieder eine abwartende Haltung ein”, sagte Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America in London. Sein Kollege Julian Callow von Barclays Capital sagte, nach diesem Statement sei es sehr unwahrscheinlich, dass es noch in diesem Jahr zu einer Zinserhöhung komme.

Der Rat stellte zwar fest, dass die Erholung sich fortgesetzt habe, bezeichnete diese aber – anders als vor einem Monat – nicht mehr als „kräftig”. Zudem entfiel der im Vormonat eingeführte Hinweis wieder, das Wirtschaftswachstum in den nächsten Quartalen könne auch höher ausfallen als bisher erwartet. Und der Rat äußerte erstmals gewisse Zweifel an der vorausgesagten Erholung des privaten Konsums. Im wichtigen zusammenfassenden ersten Absatz der geldpolitischen Lageanalyse wurde nicht mehr wie vor einem Monat vor „Aufwärtsrisiken” für die Preisstabilität gewarnt, sondern vielmehr festgestellt, dass das Risiko einer Preis-Lohn-Spirale aufgrund der hohen Ölpreise relativ gering sei. Später wurden die Aufwärtsrisiken zwar noch genannt, doch entfiel der Hinweis auf Marktindikatoren, die auf ein erhöhtes Niveau der Inflationserwartungen von Marktteilnehmern hindeuteten.

Seite 1:

Zinswende rückt in Europa in die Ferne

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%