Zentralbank versorgt Banken mit zusätzlicher Liquidität
EZB verzichtet auf Zinserhöhung

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat heute ihren Leitzins bei vier Prozent belassen. Damit setzte die Notenbank ihre Absicht zu einer Leitzinserhöhung, die Präsident Jean-Claude Trichet vor einem Monat signalisiert hatte, nicht um. Hintergrund ist die Krise an den Kreditmärkten, die bereits zu Rettungsaktionen für zwei deutsche Banken, die IKB und die Sachsen LB geführt hat.

FRANKFURT. Außerdem stellte die EZB den Banken heute gut 42 Mrd. Euro zusätzliches Geld zur Verfügung, um die Zinsen im Interbankengeschäft zu drücken. Weil das gegenseitige Vertrauen der Banken unter der US-Kreditkrise gelitten hat, schossen am Geldmarkt – an dem sich Banken kurzfristig Liquidität beschaffen – die Zinssätze in die Höhe. Gestern waren die Sätze für Tagesgeld mit über 4,6 Prozent auf den höchsten Stand seit fast sechs Jahren gestiegen.

Der Dax zeigte sich in einer ersten Reaktion völlig unbeeindruckt von der Leitzinsentscheidung, die deutschen Standard- und Nebenwerte hatten nach frühen Auftaktgewinnen gegen Mittag überwiegend ins Minus gedreht. „Die EZB-Entscheidung war erwartet worden“, erklärte ein Händler

Die meisten Analysten rechnen damit, dass eine Zinserhöhung aus Sicht der EZB nur aufgeschoben ist. Sobald die Krise an den Kreditmärkten abgeflaut sei, werde die EZB wieder auf ihren Zinserhöhungskurs einschwenken. Dagegen hält der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, auch nach Krisenende eine Zinserhöhung nicht mehr für angebracht, weil sich die Finanzierungsbedingungen ohnehin deutlich verschlechtert hätten.

Bank of England belässt Leitzins bei 5,75 Prozent

Die britische Notenbank hatte unmittelbar vor der EZB-Entscheidung ebenfalls ihren Leitzins wie von Experten erwartet unverändert belassen. Der Leitzins liege weiterhin bei 5,75 Prozent, teilte der geldpolitische Ausschuss der Notenbank in London mit. Angesichts der jüngsten Finanzmarktturbulenzen hatten Volkswirte mit dieser Entscheidung gerechnet. Zuletzt hatte die Bank of England (BoE) die Zinsen im Juli um 0,25 Punkte angehoben. Dies war die fünfte Anhebung der Leitzinsen seit dem Start des Erhöhungskurses der BoE im August 2006.

Bankenverbände beziechneten die Entscheidung der EZB, als angemessen und nachvollziehbar. Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) erklärte, der Markt brauche derzeit Sicherheit und Verlässlichkeit. Trotz vielfältiger Liquiditätsspritzen der Notenbanken hielten die Spannungen am Geldmarkt weiter an.

Berichte über die aktuelllen Reaktionen der internationalen Börsen finden Sie hier



Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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