ZEW: Erwartungen an Geldpolitik verändern sich drastisch
Volkswirte erwarten Zinswende der EZB

Immer mehr Ökonomen gehen davon aus, dass der Zinssenkungszyklus im Euro-Raum beendet ist. Der Grund: verbesserte Konjunkturaussichten. Drei Viertel der 310 Analysten, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im August im Rahmen seines monatlichen Finanzmarkttests befragt hat, erwarten, dass das Zinstal erreicht ist.

mak FRANKFURT/M. 61,4 % rechnen jetzt mit vorerst gleich bleibenden Leitzinsen; im Vormonat waren es nur 40 % gewesen. 13,9 (7,1) % der Befragten sehen die Notenbankzinsen bereits innerhalb der nächsten drei Monate wieder anziehen. Nur noch knapp ein Viertel geht von einer weiteren Zinssenkung aus. Im Juli war es mehr als die Hälfte.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte ihren Leitzins zuletzt am 5. Juni von 2,5 % auf das historisch niedrige Niveau von 2,0 % ermäßigt. Seit Mai 2001 war das die siebte Zinssenkung. Die Lockerung betrug insgesamt 275 Basispunkte.

Auch am Geldmarkt sind keine weiteren Zinssenkungen eingepreist, im Gegenteil: Der Terminkontrakt für September wurde gestern mit 2,13 %, für Dezember mit 2,15 % und für März 2004 mit 2,29 % gehandelt. Das ZEW errechnet aus den Prognoseergebnissen einen Dreimonats-Euribor (Interbankensatz) im November von 2,1 %

.

„Die drastische Veränderung der Zinserwartungen spiegelt die veränderte Einschätzung der konjunkturellen Perspektiven wider“, kommentiert Peter Westerheide vom ZEW das Umfrageergebnis. „Nach dem sprunghaften Anstieg der ZEW-Konjunkturerwartungen für den Euro-Raum um 12,5 Punkte im Juli konnten die Indikatoren im August mit einem Plus von 7,6 Punkten erneut deutlich zulegen.“

"Geldpolitische Lockerung ist unwahrscheinlich

Die EZB bezeichnet in ihrem jüngsten Monatsbericht den gegenwärtigen geldpolitischen Kurs als „angemessen“. Gleichzeitig beurteilt sie die Aussichten für die Konjunktur wieder zuversichtlicher. Nach einer verhaltenen Entwicklung im ersten Halbjahr „besteht immer mehr Grund für die Erwartung, dass sich die Wirtschaftstätigkeit im zweiten Halbjahr erholen und im Jahr 2004 weiter festigen wird“, schreiben die Währungshüter. Sie sehen zwar weiterhin Risiken für dieses Szenario. Diese könnten „in letzter Zeit aber etwas nachgelassen haben“. Die Aussichten für die Preisstabilität seien auf mittlere Sicht günstig. Die Inflationsrate werde 2004 sinken und unter 2 % bleiben. Im Juli fiel sie auf 1,9 %, nach 2,0 % im Vormonat.

Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hält eine weitere geldpolitische Lockerung für unwahrscheinlich. „Es zeichnet sich eine konjunkturelle Wende ab“, sagte Scheide dem Handelsblatt. „Nur wenn diese sich als Fata Morgana herausstellen sollte, würde die EZB die Zinsen voraussichtlich noch einmal senken – vorausgesetzt die Inflationsrate bildet sich wie von der EZB erwartet allmählich zurück.“ Scheide schließt nicht aus, dass die Inflation in den kommenden Monaten wieder leicht anziehen könnte, sollten die Dürreschäden die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben. Es sei auch nicht sicher, dass der Ölpreis wie erwartet zurückgehe. Beides seien aber vorübergehende Faktoren, die die Zinspolitik der EZB nicht beeinflussten.

Nach Ansicht von Michael Schubert, EZB-Experte der Commerzbank, wäre eine weitere Zinssenkung um 25 Basispunkte denkbar, wenn es erneut einen markanten Stimmungseinbruch gäbe. Eine Ermäßigung um 50 Basispunkte setze dagegen eine deutliche Verschlechterung der harten Wirtschaftsdaten voraus: Die Prognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) müsste deutlich um 0,5 Prozentpunkte und für den Verbraucherpreisanstieg um 0,25 Prozentpunkte nach unten revidiert werden. Beides hält Schubert aber für wenig wahrscheinlich: „Wir glauben, dass es jetzt wieder moderat aufwärts geht.“

Die BIP-Prognose der Commerzbank für den Euro-Raum liegt für 2004 bei 2,0 %. Die EZB ist vorsichtiger. Sie projizierte im Juni für das kommende Jahr ein Wachstum von 1,6 %. Die Inflationsrate sagt sie mit 1,3 % im Jahresdurchschnitt voraus. Der EZB-Rat hatte seine Zinsentscheidung am 5. Juni in Kenntnis dieser Zahlen getroffen. Eugenio Domingo Solans, Mitglied des EZB-Direktoriums, bekräftigte gestern die Projektionen der EZB. Die monetären Bedingungen seien angemessen, um eine Erholung zum Jahresende zu unterstützen.

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