ZEW-Index
Konjunkturoptimismus trübt sich ein

Die konjunkturelle Zuversicht in Deutschland hat einen leichten Dämpfer erhalten: Das ZEW-Barometer der Konjunkturerwartungen sinkt überraschend deutlich. Die Lage sei weiter „desolat“, hieß es beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Volkswirte rechnen nicht mit einem richtigen Aufschwung.
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asr/HB MANNHEIM. Das ZEW-Barometer für die Konjunkturerwartungen von Finanzexperten fiel im Oktober überraschend um 1,7 Punkte auf 56,0 Punkte, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte. Das war erst der zweite Rückgang in diesem Jahr. Volkswirte hatten mit einen Anstieg auf 58,3 Punkte gerechnet. Der aktuelle Wert ist aber weiter deutlich besser als der historische Mittelwert von 26,7 Punkten.

Der Eurokurs geriet nach Veröffentlichung des ZEW-Indikators unter Druck. Die Kurse am deutschen Aktienmarkt gaben ebenfalls nach. „Die Analysten sind ein wenig vorsichtig geworden“, sagte Commerzbank-Experte Simon Junker. „In den nächsten Monaten rechnen wir jedoch wieder mit klaren Signalen, dass sich die Konjunktur aufhellt.“ Einen Boom wie in den Jahren vor der Finanzkrise ist nach den von Worten von BHF-Bank-Ökonom Gerd Hassel aber nicht in Sicht: „Wir sehen keinen richtigen Aufschwung, sondern eher eine Stabilisierung“. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schreibt in einer am Dienstag veröffentlichten Studie von einem „gedrosselten Optimismus“. Die jüngsten ZEW-Daten passten in die Reihe der Konjunkturindikatoren, die zuletzt etwas enttäuscht hätten. Nach Einschätzung der Commerzbank dürfte die Skepsis vieler Analysten über die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung angesichts zu erwartender positiver Konjunkturmeldungen in nächster Zeit allerdings schwinden.

In Regierungskreise wird erwartet, dass das Wirtschaftsministerium diese Woche seine Wachstumserwartungen etwas nach oben korrigiert. Am Freitag, einen Tag nach Vorlage des Herbstgutachtens der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, soll die Regierungsprognose veröffentlicht werden. Ursprünglich sollten die Schätzungen erst am 21. Oktober bekanntgegeben werden. Union und FDP werden damit noch vor der womöglich entscheidenden Klausur der Koalitionsverhandlungen am Wochenende aktualisierte Daten zur Wirtschaftsentwicklung vorliegen. Zu Medienberichten, die Wirtschaftsleistung könnte dieses Jahr lediglich um 4,5 Prozent schrumpfen, sagte ein Konjunkturexperte: „Dann müsste das Bruttoinlandsprodukt sowohl im dritten als auch vierten Quartal um je eineinviertel Prozent zum Vorquartal wachsen. Das ist wenig wahrscheinlich“. Mehrere Institute hatten zuletzt für das vierte Quartal Stagnation nach rund einem Prozent Wachstum im dritten Quartal prognostiziert.

Laut ZEW-Index beurteilten die Finanzexperten die Lage ein wenig besser als im Vormonat. Dieser Teilindex stieg um 1,8 auf minus 72,2 Punkte. Experten hatten aber mit einem deutlicheren Anstieg auf minus 69,0 Punkte gerechnet. Die Bewertung der aktuellen konjunkturellen Lage für Deutschland sei nach wie vor desolat, hieß es. „Die Einschätzungen der Finanzmarktexperten entsprechen dem derzeitigen Meinungsbild. Die Konjunktur verbessert sich aber nur allmählich“, sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Zwar habe die Industrie zuletzt sechs Monate in Folge wieder mehr Aufträge eingesammelt. Andererseits seien die Exporte aber zuletzt überraschend gesunken. „Ungewiss ist zudem, wie sich der private Konsum entwickeln wird“, hieß es beim ZEW. Die meisten Experten sagen für die kommenden Monaten einen spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit voraus, was die Konsumlaune deutlich dämpfen könnte.

Die Konjunkturerwartungen für die Eurozone sind im Oktober um 2,7 Punkte auf 56,9 Punkte zurückgegangen. Der Indikator für die aktuelle Konjunkturlage verbesserte sich um 2,5 Punkte auf minus 75,4 Punkte. Die ZEW-Konjunkturerwartungen werden monatlich erhoben. An der Umfrage beteiligen sich 288 Finanzexperten.

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