ZEW
Märkte fürchten Konjunkturdelle

Der Aufschwung in Deutschland steht kurz nach seinem Höhepunkt womöglich bald schon vor dem Ende. Das Forschungsinstitut ZEW signalisiert mit seinem Konjunkturindikator den größten Vertrauensschwund in der Wirtschaft seit vier Jahren.

som / ari DÜSSELDORF. Die Schuld daran geben Finanzmarktexperten dem hohen Ölpreis, dem Nahostkonflikt und der geplanten Mehrwertsteuererhöhung, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) berichtet. Laut Mitteilung des Mannheimer Instituts, das monatlich seinen Konjunkturindikator veröffentlicht, fielen die Erwartungen der Fachleute im Juli um 22,7 auf 15,1 Punkte. Das ist der schärfste Einbruch seit vier Jahren. Noch zu Jahresbeginn waren dieselben Befragten geradezu euphorisch – der ZEW-Indikator stieg auf 71 Punkte. Seither sinkt er, seit Mai sogar verstärkt.

„Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland ist derzeit erheblichen Risiken ausgesetzt“, schreibt das Institut. ZEW-Präsident Wolfgang Franz bewertet den Rückgang zudem als „Zeichen, dass die bisherige Reformpolitik den Erwartungen nicht gerecht werden konnte“.

Die befragten knapp 300 Börsenanalysten und institutionellen Anleger fürchten, dass der Export in den kommenden sechs Monaten durch ein sich abschwächendes Wachstum der US-Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. „Die Finanzmärkte sind sehr stark auf die USA fixiert und registrieren deshalb eine Abkühlung dort stärker als den Aufschwung in Europa“, sagt Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud.

Noch gravierender belastet der Nahostkonflikt. Gut die Hälfte der ZEW-Befragten gab ihr Votum nach Beginn der Angriffe Israels auf den Libanon am 12. Juli ab. Aus Sorge vor Lieferausfällen aus der Region war der Rohölpreis für die maßgebliche Sorte Brent auf die Rekordhöhe von mehr als 78 Dollar pro Barrel (159 Liter) gestiegen. „Lange verkrafteten die Unternehmen den hohen Ölpreis gut, weil die Aufträge rasant stiegen. Doch wenn sich die Weltwirtschaft abschwächt, nehmen auch die negativen Effekte zu“, sagt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Bei Investoren macht Kai Franke von der BHF-Bank viel Scheu und eine geringe Bereitschaft zum Risiko aus.

Führende Fondsmanager bestätigen die schlechte Stimmung an den Finanzmärkten. Nach einer am gestrigen Dienstag veröffentlichten Umfrage der US-Investmentbank Merrill Lynch unter 200 professionellen Investoren erwarten fast drei Viertel und damit so viele wie nie zuvor, dass sich das globale Wirtschaftswachstum bis zum nächsten Sommer abschwächt.

Noch allerdings hat die Trendwende die Wirtschaft nicht erfasst: Erstmals seit fünf Jahren schätzen die Marktteilnehmer die aktuelle Lage günstiger ein als die Aussichten. Der ZEW-Indikator für die Konjunkturlage in Deutschland stieg im Juli um 11,4 auf 23,3 Punkte. Einen Konjunkturrückschlag erwarten die Finanzmarktexperten erst in einem halben Jahr, wenn die Zusatzbelastungen durch Mehrwertsteuer, Kranken- und Rentenversicherung die Inlandsnachfrage bremsen.

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